Montag, 27. April 2015

Turnier – ein Bandenprofi berichtet

Da Penny und ich sowieso alles besser und am besten können, war ich einmal gucken, was die anderen so treiben. Ich war auf einem „Turnier“.
Vorab zu meiner eigenen Sicherheit:
Wie ich mittlerweile weiss, sind Turnierreiter sehr empfindlich gegenüber Kritik, die nicht in Punkten oder von Richtern geäussert wird. Deswegen möchte ich klarstellen, dass ich als Freizeitdümpel natürlich keinerlei Ahnung von überhaupt gar nix habe. Diese Ahnungslosigkeit weiss ich zum Glück mit massloser Ironie und spitzer Zunge zu kompensieren. Ausserdem will gesagt sein, dass es sich hier um Einzelfälle handelt (mehr als einem lieb sein sollte) und ich nicht alle Turnierreiter über den gleichen Kamm ziehen möchte. 

So, los gehts:

Schon von Weitem konnte man erkennen, dass hier etwas im Gange war. Die Koppeln waren leergefegt, kein Pferd zu sehen. Die Strasse war übersät von braunen Flecken und der Strassenrand wies eine überdurchschnittliche Geländewagen-Dichte auf – ein erster strategischer Zug der Turnierteilnehmer. Mit den Geländewagen, die meist mit einem schicken Sternchen auf der Haube verziert waren, wurde die Strasse so verengt, dass Konkurrenten, die mit ähnlicher Karosserie bewaffnet waren, der Zugang zum Gelände verbarrikadiert wurde. Mit meinem Gogomobil schlängelte ich mich elegant durch die schmalen Gassen und versteckte es gekonnt zwischen zwei Meganovas. 

Ein Tip für alle pferdigen Veranstaltungen:
Tangiert eine Veranstaltung auch nur am Rande das Thema Pferd, kann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass die SUV-/Geländewagen-Verbarrikadierungs-Strategie Anwendung findet. In diesem Fall gibt es nur zwei geeignete Fahrzeugtypen. 
Ein kleinster Kleinwagen (wie in meinem Fall) der unauffällig zwischen den Panzern versteckt werden kann. Dies erleichtert die Parkplatzsuche ungemein, hat aber den (nicht unbedingt negativen) Nebeneffekt, dass man für die übrigen Panzerfahrer quasi nicht existiert. Denn ohne Megakutsche gehört man nicht wirklich zum Club und ist höchstens geduldet. 
Die Alternative: Monstertruck! Auch mit diesem Gefährt wird sich ein freier Parkplatz finden. Der ungeteilte Neid aller anderen ist einem garantiert. Das rührt daher, dass Reiter es prinzipiell nicht ausstehen können, wenn ein anderer „den Grösseren“ hat, oder wenn ihr Auto gerade von einem Monstertruck demoliert wird. 
Sei´s wie´s will, Freunde macht man sich ohnehin keine.

Zurück zum Thema:
Die erste Hürde war genommen. Es folgte das Hänger-Labyrinth. Damit ein echtes Turnierpferd die 500 Meter von seinem Stall bis zur Arena standesgemäss bewältigen kann, ist ein Hänger unabdingbar. Dabei gilt: je oller desto doller. Was auf keinen Fall fehlen darf: ein XXXL-Aufkleber „Sportpferde“. So weiss auch die letzte Pfeife, dass hier keine gewöhnlichen Reitesel verschifft werden. Wer sich von dem gemeinen Gesindel abheben will und kann, der kutschiert seinen Vierbeiner jedoch nicht einfach in einem Hänger, sondern standesgemäss in einem Pferdemobil. Was das ist? Ein fahrbares 5-Sterne Loft für Pferde. Mit eigener, ausfahrbarer Terrasse, integrierten Sonnenstudio, Dusche, Kleiderschrank und Sattelkammer. Damit das liebe Tier auf keine Annehmlichkeiten verzichten muss. Natürlich ist der Chauffeur all inclusive, genauso wie die Strassensperre, um den Schwertransporter von A nach B zu bringen. Aber was tut man nicht alles fürs liebe Vieh…

So, da war ich endlich… oder? So sicher war ich mir da nicht. Ich musste versehentlich in einer Swarowski-Abteilung gelandet sein. Überall glitzerte und funkelte es um die Wette. Geblendet von dem ganzen Licht, konnte ich die Reiter erst auf den zweiten Blick erkennen. 
Es handelte sich um steife Gestalten, die aussahen, als wären sie gerade einem Schwarz-Weiss-Film entstiegen. Ernste Miene, strenger Blick. Für Schwung und Bewegung sorgt ja schliesslich das Pferd. Die Männchen hatten sich in dem kleinen Sandkasten versammelt und brachten ihren Reitesel auf Betriebstemperatur. Damit das arme Tier nicht von den neidischen Blicken der anderen zerfressen wurde, wurde es unter einer Decke versteckt. Nicht irgendeiner Decke, unter der, zum Outfit des Reiters, passenden Decke. Denn Kleider machen Medaillen. Passt die Decke nicht zur Schabracke, die Schabracke nicht zum Ohrengarn, das Ohrengarn nicht zur Bluse und überhaupt der Helm nicht zum Stirnriemen, dann hat man sich ohnehin schon als Versager geoutet. 
Weiter ging meine Reise, an den eigentlichen Ort des Geschehens, der wirklichen Austragungsstätte, der Arena der Gladiatoren: dem Dressurviereck. 
Um den heiligen Boden zu betreten, muss man erst einmal am Türsteher vorbei kommen. Hier kommt man nämlich nur auf Aufforderung hinein. Nun gilt es, sein ganzes Können zu beweisen, unter dem wachsamen Augen des Richters, welcher in einem, mit Panzerglas gesicherten, Häuschen Zuflucht gefunden hatte. Ich kann nur vermuten, dass dies dazu dient, ihn vor dem Temperament eines verkannten Genies zu schützen. 
Der Gladiator betritt die Arena. Stille. Eine Stimme fordert den Kämpfer auf, nacheinander lustige Figuren in unterschiedlicher Geschwindigkeit zu vollführen. Was natürlich dadurch erschwert wird, dass der mutige Kämpfer hierfür seine Reit-Bestie zähmen muss. Denn diese trotzen auch nach Stunden auf dem Abreitplatz noch vor unbeherrschbarer Energie. Und ist die Bestie doch einmal keine Bestie, gibt es allerhand Mittel, ihr auf die Sprünge zu helfen: Dauerstörende Sporen, ein Sitz wie ein Kartoffelsack-Flummy, und das ständige Zerren am Zügel.
Meine Lieblingsübung war schnell gefunden – Überstreichen: Das bedeutet einen Kreis zu reiten und dabei die innere Hand nach vorne zu geben, die Bestie also ausschliesslich am äusseren Zügel zu bändigen. Dabei wird vor dem Nachgeben einmal fest am Zügel gerissen, damit der Esel auf der Spur bleibt, dann für wenige Sekunden losgelassen und als Willkommensgeschenk nochmal feste am Zügel gerissen. Für Laien: Das ist in etwa so, wie die ersten Versuche freihändig Rad zu fahren. Man kann den Lenker zwar einen kleinen Augenblick loslassen, doch dann wird´s mangels Kontrolle gefährlich und man greift zack! wieder nach dem Lenker. 
Übungen, die ich aus meinem Kinder-Pony-Reitunterricht kenne, wie zum Beispiel geschlossen Stehen, von hinten nach vorne Anreiten, eine ruhige, weiche Hand… haben in der Welt der Turnierreiter keine Bedeutung mehr. Immerhin hat man es hier nicht mit kleinen Ponys zu tun, sondern mit Sportpferden. Am Ende der Kämpfe hatten alle Gladiatoren ihre Übung mehr oder weniger erfolgreich, aber alle doch sehr ähnlich, abgeschlossen. Kreativität wird nämlich nicht so gerne gesehen. Die Richter hatten ihr Urteil in Form von Punkten gewürfelt gefällt und verkündet. Die Sieger waren erkoren und betraten für ein letztes Schauspiel die Arena – die Ehrenrunde. Im flotten Galopp wurde noch einmal die Bezwingung der Bestie gefeiert. Wobei der ein oder andere Reitesel sein Feuer noch einmal entfachte und der öden Runde einen spritzigen Touch verlieh. 


In Gedanken warf ich einen Blick auf Penny und mich selbst. Nein, für diese Welt sind wir zwei nicht geschaffen. Zwischen den meterlangen Beinen dieser Super-Sportler würden wir nur die Orientierung verlieren, und das mit der Bestie… Penny als Bestie? Wer erstarrt denn schon in Ehrfurcht wenn ein flauschiges Kaninchen vor im sitzt? Zudem wage ich es zu bezweifeln, dass das Panzerglas des Richterhäuschen meinem Temperament gewachsen wäre… den mein Genie und meine grenzenloses Talent verkennt keiner ungeschoren! Nicht zuletzt wäre es auch mehr als ungerecht, immerhin können Penny und ich alles besser und am besten ;) 

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