Samstag, 16. Mai 2015

Hallo erstmal

Folgendes Szenario:
Betti freut sich. Nach einer langweiligen Woche endlich ein kleiner Lichtblick. Sie hat heute einen Termin bei ihrem Friseur. Entspannt in den Stuhl fallen lassen, sich unterhalten, den neusten Tratsch erfahren und sich etwas verwöhnen lassen. Für Betti ist das immer etwas schönes.
Freudig macht sie sich auf den Weg. 
Noch bevor sie die Türe zum Frisörsalon öffnen kann, kommt dieser hinausgeschossen, ohne sie zu begrüssen. Mit einem gemurmelten „da sind Sie ja endlich“ nimmt er sie an der Hand, zerrt sie zu ihrem Stuhl und beginnt mit seiner Arbeit. 
Betti ist ganz neben sich. Kein „möchten Sie ein Glas Wasser“, kein „Wonach ist Ihnen denn heute“. Perplex schaut Betti ihren Frisör an. Hallo erstmal…

Worauf ich hinaus will? 
Ein etwas anderes Szenario:
Der nächste Tag. Betti ist noch nicht ganz über den unfreundlichen Frisör hinweg. Doch sie hat heute gar nicht viel Zeit, sich über diesen unmöglichen Menschen aufzuregen. Der Job fordert sie. Es ist ziemlich stressig, alles geht drunter und drüber und die Zeit rennt schon wieder. Vor lauter Hektik hat sie sich auch noch den Cafe über die neue Hose geschüttet. Gott sei dank ist endlich Feierabend. Gemütlich aufs Sofa fallen, die müden Knochen ausruhen und durchatmen. Denkste! Betti hat nämlich ein Pferd, Hotti. Und ein Pferd bedeutet Verantwortung. Also geht es für Betti nicht aufs Sofa, sondern in den Stall, zu Hotti.
Hotti hat Bettis Auto schon von Weitem gehört. Er freut sich. Das tut er immer, wenn Betti kommt. Den ganzen Tag stand er mit den anderen auf der Weide. Nun ist er satt und zufrieden und freut sich über die willkommene Abwechslung. Was es heute wohl wird? Ein kleiner Ausritt? Etwas Arbeit auf dem Platz? Oder einfach nur ein schönes Verwöhnprogramm am Putzplatz? Hotti gönnt sich ein letztes Büschel Gras und – wird jäh aus seinem Träumen gerissen. Oder besser am Halfter. Betti steht neben ihm, rupft seinen Kopf hoch bindet den Strick an und zerrt ihn von der Weide. Am Putzplatz geht alles zack zack. Nix Verwöhnprogramm, Sattel drauf, auf den Platz. Arbeiten. Sattel wieder runter, zurück auf die Weide. Bis morgen.
Hotti blickt Bettis Auto irritiert hinterher. Was war denn das?! Und vor allem, Hallo erstmal…

Während uns allen das erste Szenario glücklicherweise eher unbekannt ist, kommt uns das zweite doch sicher bekannt vor. Haben wir ja oft genug bei den anderen Miteinstaller gesehen. Wir selber machen das natürlich nicht. Aber sprechen wir trotzdem mal darüber.

Mist, sie hat mich gesehen...


Ich hab auf dich gewartet!
Wenn ich zu Penny geh, ist vieles Arbeit. Wir arbeiten am Umgang, am Vertrauen, an unserem Können. Die Arbeit mit Penny fängt dabei schon viel früher an, als es einem bewusst ist. Nämlich beim „Hallo“.
Penny erkennt mein Auto und das meines Freundes und irgendwie erkennt sie überhaupt jedes Auto, mit dem ich an den Hof fahre. Häufig hebt sie kurz den Kopf, nimmt zur Kenntnis, dass ich jetzt da bin und frisst erstmal weiter. Das ist nicht schlimm. Oft verquatsche ich mich nämlich erstmal, richte unsere Putzsachen und komme dann zu Penny. Ich rufe ihr eigentlich immer zu, oder pfeife – irgendetwas, um sie auf mich aufmerksam zu machen. Das Tollste, was dann passieren kann, ist wenn sie mir entgegen kommt. Der Best Case sozusagen. Für mich ist das ein Zeichen, dass sie sich freut, dass ich da bin und sie gerne etwas mit mir arbeitet.
Natürlich, passiert das nicht immer. Schon gar nicht, wenn es kürzlich Heu gegeben hat. In diesen Fällen laufe ich langsam auf sie zu und bleibe neben ihr stehen. In der Regel geht dann der Kopf hoch und sie schnuppert erst mal an mir. Falls nicht, streichle ich ihr über den Hals, oder etwas energischer, stupse sie etwas an. Egal wie, die Begrüssung muss sein. 
Oh, du bist auch schon da.
Penny antwortet mir auf viele verschiedene Arten auf mein „Hallo“. Sei es ein „wo warst du denn den ganzen Tag“, begleitet von einem vorwurfsvollen Blick oder ein „Wo kommst du denn her, du riechst so interessant“ oder nur ein „schön, dass du da bist.“ Manchmal ist es auch nur ein „Kratz mich da mal“. 
Diese paar Minuten finde ich sehr wichtig. Und es ist nicht viel Zeit. Wie oft habe ich mich schon am Stall fest gequatscht und plötzlich waren zwei Stunden rum. 
Es ist mir sehr wichtig Penny auf Augenhöhe zu begegnen. Ihr zu zeigen, dass ich da bin und dass wir jetzt etwas machen werden. Ihr aber auch die Chance zu geben „Nein“, zu sagen, zu sehen, was sie bedrückt, wie es ihr geht und was vielleicht gegen meine ursprünglichen Pläne spricht. Vielleicht hat sie sich wieder mit den anderen Idioten gekloppt und ist heute nicht so begeistert von harter Arbeit auf dem Platz, weil ihr der Hintern noch weh tut. Oder sie hat schlecht geschlafen, weil es die ganze Nacht gewittert hat und sie sich unwohl fühlte.
Vielleicht, und das war erst kürzlich der Fall, ist sie auch richtig niedergeschlagen und regelrecht traurig. Auch da kam sie mir auf dem Paddock entgegen. Aber nicht so freudig wie sonst immer. Sie schnüffelte kaum an mir, sondern blieb an meiner Seite stehen, warf mir einen sorgenvollen Blick zu und wollte einfach nur gekuschelt werden. Im ersten Moment wurde es mir ganz anders. Was zur Hölle war mit meinem Pferd los?! War sie krank? War etwas passiert? Entwarnung, schnell merkte ich, dass alles halb so wild war. Penny hatte ihre „sensiblen Tage“, sie war rossig. 
Diese paar Minuten zeigen mir, wie es ihr geht und wo ich heute ansetzten kann. Sie zeigen mir aber auch, was Penny von meiner Anwesenheit hält. Bin ich nur ein Störfaktor, ein aufdringliches Etwas, das nur Forderungen stellt, oder bin ich ein Freund, mit dem man gerne etwas unternimmt.
Hallooo?! Du steht auf meinem Futter!
Jeder von uns hat schon Pferde gesehen, die vor ihrem Besitzer davonrennen. Das heisst dann entweder „Ui cool wir spielen Fangen“ oder „Nööö, such dir nen anderen Deppen“. Natürlich ist das Ganze auch tagesformabhängig. Ich habe auch schon Pferde gesehen, die ihren Besitzer nahen sahen, sich abdrehten und zu Stein erstarrten. Den Kopf ganz tief, die Ohren angelegt, alles andere als begeistert. Bei manchen war das das tägliche Ritual. Danach ging es auf den Platz und später nass geschwitzt zurück.

Die Art und Weise, wie ich mein Gegenüber begrüsse, sagt viel über unser Verhältnis aus. Jeder kennt es. Man trifft einen lieben Freund zufällig in der Stadt. Man umarmt sich oder gibt sich ein Küsschen auf die Wange. Ist freudig gespannt, was es zu erzählen gibt und bleibt gerne eine kurze Weile stehen, auch wenn man eigentlich im Stress ist.
Anders, wenn man den Idioten wieder sieht, der einen am Wochenende so blöd angegraben hat. Man blickt hochkonzentriert zur Seite, hoffnungsvoll, dass er einen nicht erkennt. Oder man kramt das Handy aus der Tasche und tut, als würde man telefonieren. Hilft alles nichts, grüsst man sich mit einem gequälte „Hallo, du sorry, bin im Stress. Man sieht sich. Tschüss“.
Am allerschlimmsten ist es, wenn einem der Gerichtsvollzieher begegnet, wegen unbezahlten Pferdesport-Katalog-Rechnungen in Millionenhöhe, dann rennt man nämlich.


... und manchmal ist Schmusen, das einzige was zu tun ist.
So oder so, die Begrüssung meines Pferdes verrät mir viel über mich selbst und über unser Verhältnis zueinander. Alles, was es mich kostet, sind ein paar Minuten…






















Einen schönen Artikel zum Thema Einfühlungsvermögen von „Fühlend Reiten“ findet ihr hier, denn Einfühlungsvermögen endet noch lange nicht beim Hallo.

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