Samstag, 20. Juni 2015

Die Neue

Pennys Notiz:

"Es tut sich was bei uns in der Nachbarschaft. 
Seit langem verschollene Zweibeiner sind plötzlich wieder aufgetaucht. Es herrscht ungewohnt viel Leben in der Sattelkammer, Tratsch und Gerüchte machen die Runde. Fremde Gesichter kommen und gehen. Ach, wobei wir beim Thema wären. Ein neues Gesicht! Ein neues Pferd ist eingezogen, seinen Zweibeiner hat es auch gleich mitgebracht. Ob das wohl der Grund für das plötzliche Leben am Hof ist?

Wir Pferde machen da ja kein grosses Ding draus. Erst wird etwas über den Zaun geschnuppert, dann werden der Neuen unsere Herdenregeln beigebracht und ehe man es sich versieht, gehört sie schon zu uns. Ist doch nichts dabei oder? 
Nur für den alten Lancelot lief das Ganze nicht so erfreulich ab. Der hat dem neuen Pferd nämlich eine Sekunde zu lange auf ihre laaaangen Beine gestarrt und als Quittung von seiner Angetrauten Emma ordentlich was zu hören bekommen. Der gefällt die junge Konkurrenz nämlich gar nicht. 
Aber das ist alles kein Vergleich zu den Zweibeinern… die stellen sich ja an!

Meistens geht es schon los, bevor überhaupt etwas passiert. Es wird getuschelt. Dabei können die tollsten Geschichten entstehen. So kann plötzlich von einem pinken Einhorn mit gläsernem Sattel, das ausschliesslich rückwärts geritten wird, die Rede sein. Die Menschen sind dann häufig ganz nervös. Zuerst machen sie sich Sorgen um uns. Als wären wir hier das Problem. Es werden Fragen gestellt, wie „Was kommt denn da für eine Rasse und passt die zu uns in die Gruppe?“ „Wann wird die Neue denn das erste mal in die Gruppe gelassen, könnte ja was passieren…“ Als ob wir es nicht mit allen aufnehmen würden. „Ist´s denn ein Wallach oder eine Stute?“ Sind eben doch alle sexistisch :P

Ist die Neue dann da, sind es alle Menschen auf einmal auch. Natürlich sind die ganz zufällig gekommen, nur so, ein Bauchgefühl eben :P
Dann beginnen die Menschen sich zu beschnuppern und das ist nun wirklich das Lustigste.
Jetzt muss die Neue und all ihre Mitbringsel zwecks Analyse erst einmal genaustens unter die Lupe genommen werden. Es geht hier nämlich um die wirklich wichtigen Dinge, nämlich WER da gerade eingezogen ist. Und mit WER meinen die Menschen nicht ein kleines, rotes Pony mit seinem kugelrunden, braunhaarigen Zweibeiner, der ausserhalb seines Daseins als Ponybespasser als Verkäuferin in einem Schuhladen arbeitet, gerne Erdbeereis mit Schokosplittern isst und von einem Leben in Schottland träumt. Neiiiiin , bei den Menschen geht es um viel existenziellere Dinge. Um diese Dinge zu erfahren, müssen sie nicht mal wirklich miteinander reden, sie müssen nur beobachten.
Dann erkennen sie schnell, dass mit der Neuen auch ein Westernsattel in die Sattelkammer gezogen ist. Also ist sie wohl ein Westernreiter. Gebiss? – Keines! Dafür ein Sidepull. Also der Westernreiter ist also auch noch alternativ gebisslos. Das Halfter, die Decke? – Hamilton?!?! Also frönt der alternative Westernreiter auch noch den teuren Dingen des Lebens. Trainer?! Jaaa, mit dem alternativen, luxusverliebten Westernreiter fand auch noch sein Parellitrainer den Weg zu uns. Alles Dinge, die die Menschen furchtbar aufregen können. Immer mit dabei ist die Hoffnung, die Neue ins eigene Lager ziehen zu können. Teufelaustreibung, Bekehrung so zu sagen.
Im Umgang mit dem neuen Zweibeiner benehmen sich die meisten Menschen wie getretene Hühner. 
Ein getretenes Huhn plustert sich am besten auf. Wichtig: Keine Eingeständnisse machen! Niemals und unter gar keinen Umständen darf zugegeben werden, dass die Neue einen Wissensvorsprung hat, oder etwas kann, das man selbst nicht kann. Wieso? Hackordnung! Der Platz des Alleskönners ist nämlich in jedem Stall schon immer besetzt.
Eine Doppelbelegung ist undenkbar. Denn sollte die Neue ebenfalls ein Alleskönner und -Wisser sein, wird nur einer von beiden den Kampf überleben.

Mein Zweibeiner ist da keine Ausnahme. Doch diesmal vielleicht. Die rennt nämlich gar nicht so aufgescheucht nervös umher wie sonst. Überhaupt scheint sie nicht aufgeregt nervös bezüglich des unbekannten Neuen zu sein, nein, sie ist richtig erfreut, dass die Neue kommt. Und das ist wirklich seltsam! Normalerweise sind die Menschen das nicht. Sie sind Gewohnheitstiere, Neues stresst sie. Wieso? Das habe ich oben ja schon erklärt. 
Meinen unglaublichen lauscherischen Fähigkeiten habe ich es zu verdanken, dass ich das Rätsel um die Freude meiner Trulla auch schon gelöst habe. Die kennt die Neue nämlich. Von früher aus der Schule. Was das ganze Prozedere für sie zumindest wesentlich verkürzt.
Für mich ist das ganze schon wieder Schnee von gestern. Man kennt sich ja jetzt ja schon fast ne Ewigkeit und es stehen wesentlich wichtigere Dinge an, als sich wegen der Neuen zu stressen, Fressen zum Beispiel!

In diesem Sinne… mampf!"

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