Montag, 27. Juli 2015

Zirkeltraining – oder "der Dumme in der Mitte"

Da Penny mittlerweile die Fahne gestreckt hat und die Umzäumung des Reitplatzes als Grenze akzeptierte, war es an der Zeit etwas Gymnastik in unseren Kreis zu bringen. Bisher diente der Zirkel der freien Entfaltung unbändiger Lebensenergie. Ausdruckskunst sozusagen. Oder einfach nur wilde Raserei. 
Wie es jeder aus seiner eigenen Kindheit kennt, kommt einmal der Tag an dem man Spielplatz gegen Sportplatz tauscht. Spiele verfolgen plötzlich einen hoch pädagogischen Sinn, sind tiefenpsychologisch wichtig und dienen ausschliesslich einer optimalen frühkindlichen Entwicklung und der Gesundheit der lieben Kleinen. Und wie wir alle tief in unserem Hinterstübchen noch wissen, werden Dinge spätestens und garantiert dann voll doof, wenn sich die Erwachsenen einmischen. Da helfen auch Pädagogenslogans wie „Beweg dich wo du kannst“ nur wenig.
Auch ich kann nicht anders, als mich in die Zirkelraserei meines Ponys einzubringen und mit mir kommt die Gymnastik. Macht doch so sicherlich gleich viel mehr Spass…

Also auf, bewegen wir uns!
Longe und Kappzaum liegen bereit und warten auf ihren Einsatz.
Wie man an der lockeren Leine im Kreis läuft, haben wir schon geübt. Ja, so sind wir Streber. Der Anfang war gemacht, also her mit der Gymnastik.
Unter den wachsamen Augen meiner Reitlehrerin trottete Penny im Schritt um mich herum. Ein schöner Anblick. Man sieht, hier sind echte Profis am Werk. Sagenhafte fünf Meter später schaltet Penny einen Gang höher und Trabt los. War so nicht geplant, aber ich bin für die Einwände meines Pferdes ja offen. Meine Reitlehrerin ist das nicht. Also blieb mir nichts anderes übrig als auf „Schritt“ zu beharren. Sprachkommandos sind ja mittlerweile programmiert und zur Not kann die Ecke des Reitplatzes als Bremse missbraucht werden. Also Schritt! Immerhin sind wir ja hier, um ordentlich gymnastiziert zu werden. Spielplatz ist ja nicht mehr. 
Nächster Versuch. Schritt. Zwanzig Meter. Trab. Schriiiitt! Notbremsecke. Tatsächlich Schritt. Fünfzehn Meter. Trab.
Hat´s der Reitesel immer noch nicht kapiert? Kann doch so schwer nicht sein. Immerhin hab ich Penny schon Schritt laufen sehen. Sie weiss also wie´s geht. Und dumm ist sie ja auch nicht…
Oder doch? Es wollte einfach nicht gelingen.  Egal was ich tat und rief, nach einigen Metern legte Penny einen Gang zu. So würde das mit der Gymnastik nie etwas werden.
Der Dumme stand, wie allzu oft, in der Mitte. 
Die Motivationsbomben aus alter Schulzeit hatten tiefe Spuren hinterlassen. Jahrelange Höchstleistung, gepaart mit überambitiösen Sportlehrern und schweisstreibendem Zirkeltraining hatten sich tief in mein Gehirn eingebrannt, so dass es mir unmöglich war, einfach ruhig in dem doofen Kreis stehen zu bleiben und dem Pony das Laufen zu überlassen. Beweg dich wo du kannst! Aber eben nicht beim Longieren. 
Der aussenstehende Betrachter hat es schon lange gesehen. Das Pony läuft brav Schritt, die Dumme mit der Longe läuft fein mit und überholt das Pony auf der Innenspur. Sowas kann sich Pony natürlich nicht gefallen lassen, es legt einen Gang zu und trabt sich wieder an die Spitze.
So, nachdem die Fehlerquelle ausgemacht ist, kann sich eben diese nun darum bemühen, stehen zu bleiben.  Ist ja nicht so schwer.
Für so einen Supermegasportler wie mich, ist still stehen gar nicht so einfach. Klamm heimlich schleichen sich meine Füsse immer wieder davon, gefolgt von meinen Beinen und dem ganzen Rest und einem schneller werdenden Pferd. 
Abhilfe ist schnell gefunden. Man nehme einen Hula-Hoop-Reifen und steife Hüften. Zack liegt das Ding am Boden und dient als Alarmanlage, sollten sich meine Füsse mal wieder davon schleichen. Ohne Reifen dafür aber auf sandigem Boden, lässt sich einfach ein Kreis in den Sand ziehen. Schon bekommt der Kopf mit,  wenn die Füsse die Grenze stiften gehen. Und kaum werden die Füsse im Zaum gehalten, klappt´s auch mit dem gymnastizierten Pferd. Da ich Penny nun nicht mehr zu Wettrennerchen anstachle, hat diese alle Zeit sich fallen zu lassen, zu dehnen und zu biegen.

Der Dumme in der Mitte ist nach dem Unterricht gleich zweifach schlauer. Zum einen weiss er nun etwas mehr, wie er sein Pferd gymnastizieren kann,  zum anderen hat er einmal mehr festgestellt, an welchem Ende der Longe das Problem zu Hause ist.

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