Sonntag, 8. November 2015

Die spinnen, die Reiter!

Schon häufig ist mir zu Ohren gekommen, dass wir Reiter nicht richtig ticken, an Geschirrmangel im Oberstübchen leiden, spinnen, oder total fanatisch sind.
Diese Gerüchte halten sich hartnäckig. Doch sind wir Reiter tatsächlich sooo schlimm? 
Ich habe ein paar ruhige Minuten (man könnte auch sagen, eine total langweilige Vorlesung) genutzt und mir ein paar Gedanken zu diesem Thema gemacht. Mein Fazit: Wir sind noch viel schlimmer…

Vieles, was über uns Reiter gesagt wird, nehme ich schulterzuckend zur Kenntnis, die haben eh keine Ahnung, die Nicht-Reiter. Doch werfen wir doch mal einen selbstkritischen, zwinkernden Blick auf das zu analysierende Objekt – den Reiter.

Unser Pferd ist unser „Einundalles“. Immerhin verschlingt dieses Eine einfach Alles das wir haben. Unsere Zeit, unser Geld und unsere Nerven. 
Wer jedoch denkt, mit dem Vierbeiner allein wäre es getan, der irrt gewaltig.
Wir Reiter diskriminieren nicht nur aufgrund der Rasse oder Herkunft des geliebten Reitesels, nein, hier treffen wesentlich tiefere Glaubenseinstellungen, ähm Überzeugungen, ich meine Reitweisen aufeinander. 
Zum einen gibt es da die Dressurreiter. Das sind die grossen Schlanken, mit den ebenso langbeinigen Pferden, dem hübschen Blingbling und den ewig langen Steigbügeln. Die Wirbelsäule wird´s schon halten.
Wer zu blöd für die Dressur ist, der wird Springreiter und macht, bis auf die langbeinigen Warmblöder, mal eben alles anders. Hier zählt nicht Ausdruck und Eleganz, hier geht der Punk ab. Tempo und Adrenalin sind die Stichwörter. Steigbügel ins letzte Loch, Knie zum Ellenbogen und gehüpft wie ein Frosch.
Wer nicht den Mut zum Springen und nicht die Figur für die Dressur hat, der kann immer noch der Klassik frönen. Alles was man dafür tun muss, ist einen Sattel mit Galerie hinten und vorne zu besorgen, ihn mit ordentlich Messing und Schnörkeln zu verzieren und seinem Pferd einige Rundungen angedeihen zu lassen. Das nennt sich dann nämlich „barock“. Dann noch schnell einen Besen verschlucken und ab aufs Pferd.
Wer zu allem nicht taugt und statt dem Viereck lieber die Weiten der Prärie sucht, der wird Cowboy. Der Westernsattel muss dabei mindestens der zweifachen Länge der Sattellage entsprechen, die Sporen müssen beim Laufen unbedingt zu hören sein, und die Zügel müssen so lang sein, dass sie auch bei einem Rückwärtssalto vom Pferd nicht angezogen werden.
Wer sich bisher nicht finden konnte, dem bleibt noch der Weg zum Gangpferdereiter, oder Wanderreiter, oder Freizeitdümpel…
Die Palette könnte grösser nicht sein. Für jeden Geschmack ist etwas dabei. Und wie es sich in einer Konsumgesellschaft gehört, besitzt jede Glaubensgemeinschaft ihre eigenen Produkte. Als Wiedererkennungsmerkmale, sozusagen. Kleider machen Leute Reiter.
Die verschiedenen Reitweisen verhalten sich untereinender wie Fussballclubs. Man kann nicht Schalke und Dortmund gleichzeitig toll finden. Schliesslich ist die eigene Einstellung doch das einzig Wahre und alle anderen sind Idioten.
Ein Reiter ist also nicht einfach „ein Reiter“ – so viel Zeit muss sein.

Weiter geht´s in Punkto Leidenschaft – und was schafft mehr Leiden als der liebe Vierbeiner?
Spätestens beim Tritt in den Allerwertesten oder wenn der Pferderücken unfreiwillig zum Schleudersitz wird, ist auch dieser Punkt auf unser Konto verbucht. Doch das Leiden des Reiters beginnt schon viel früher. Zum einen wäre da die latente Unzufriedenheit des geliebten Reitesels. Je mehr dieser verhätschelt wird, desto undankbarer scheint der Gaul zu sein. Da erdreistet man sich nach Stunden der harten Arbeit, deren Erträge am Ende des Tages ohnehin auf dem Misthaufen landen, den Arbeitstag bei einem kleinen Ausritt ausklingen zu lassen, und dann hat der Gaul keinen Bock. Scheint gar nicht zu schätzen wie gut es ihm geht. Ja, so sind sie, unsere geliebten Pferdchen.
Doch nicht nur in der Freizeitgestaltung… (Freizeit – was war das überhaupt?) … doch nicht nur in der Feierabendgestaltung mit dem lieben Hotti, sondern auch in seinem Privatleben, zeigt sich der Reiter leidensfähig und zu Verzicht bereit.
Auf das 200m2 Loft in der Stadt wird zu Gunsten einer 2-Zimmer-Kellerwohung ohne Tageslicht verzichtet, liegt Letztere doch wesentlich näher am Stall. Und ein Umzug kann dem lieben Hotti nicht einfach zugemutet werden. Da eine adäquate Unterkunft für das Reittier nicht annähernd so leicht gefunden ist, wie der Nicht-Reiter denken mag. Denn auch der Lifestyle unserer Vierbeiner ist Einstellungssache und ein Offenstallpferd wird nicht über Nacht zum Boxenpferd.
Auch der chice Sportwagen ist schon lang passé und Luxusklamotte ist nur noch ein fader Lichtstrahl im Nebel der Vergangenheit.
Ebenso wie Maniküre und Make-up. Maniküre deshalb, weil lange Nägel einfach unpraktisch sind und den Kampf gegen die Mistgabel nur zu oft verlieren und ein Make-up, das Pferdedreck abdeckt erst noch erfunden werden muss. 
Sozialleben eine Koexistenz mit anderen Zweibeinern ist starken Hindernissen ausgesetzt. Unter ihresgleichen ist es, aus genannten Glaubensgründen, nicht immer einfach, wohlgesonnene Gleichgesinnte zu finden. Ausserhalb des Ponyhofes hat es der Reiter auch nicht leicht. Zum einen fühlen sich einige Menschen von dem Geruch nach Müsli, Pferdeäpfeln, Schweiss und Stroh nicht magisch angezogen. Zum anderen sagt man Reitern häufig mangelnde Sozialverträglichkeit nach. Es findet sich kein Thema über das Reiter und Nichtreiter in Gespräch kommen könnten. Was an zwei einfachen Gründen liegt: Der Nichtreiter hat keine Ahnung von Pferden. Der Reiter hat nur Ahnung von Pferden. Und dann gibt es da noch jene nichtreitende Mitmenschen, die uns Reiter für verrückt halten. Womit wir wieder am Anfang wären.

Ziehen wir ein Fazit.
Ja, wir Reiter sind von unserem Lebensstil überzeugt.
Ja, wir widmen uns diesem mit ganzer Leidenschaft und voller Eifer.
Und ja, wir Reiter sind kein einfaches Völkchen.
Reiter ist man nun mal nicht nur für 2 Stunden am Tag.

Also liebe Nicht-Reiter, habt etwas Verständnis. Immerhin waren wir, bevor wir Reiter wurden, auch nur Menschen.

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