Montag, 21. Dezember 2015

Weshalb "Reiten" nicht mein Hobby ist

Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das erste Mal ein Pferd gesehen habe. Vermutlich war ich erst wenige Tage alt, denn ich hatte das Glück umgeben von Tieren aufzuwachsen. Doch keines hat mich je so fasziniert wie die Pferde. 
Ihre Nähe und der Umgang mit ihnen, sie zu Putzen oder sie einfach nur in der Herde zu beobachten, war für mich von Klein an der schönste Zeitvertreib. Irgendwann kam dann das Unvermeidliche – ich durfte auf ihnen reiten. Auch daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Aber es musste mir grossen Spass gemacht haben, denn an meine erste Reitstunde erinnere ich mich. :D Bei einem Reitlehrer der alten Schule, mit Pfeife, Karojacket und Hut und seinem Pferdekumpel, der mich behutsam über den Platz trug. Ich war unglaublich stolz  – im Nachhinein ist mir klar, dass ich gar nix zu melden hatte. Reitlehrer und Pferd waren ein so eingespieltes Team, dass Hotti genau das machte, was Reitlehrer wollte, auch wenn der Zwerg auf dem Rücken dazwischen funkte. 

Leider gingen Pferd und Reitlehrer bald in Rente. Ich aber hatte Blut geleckt und wollte unbedingt Reiten lernen. Eigentlich wollte ich ALLES lernen. Von Körpersprache, über die Biologie des Pferdes, welche Hilfsmittel weshalb und wie benutzt werden, wieso ein Pferd reagiert, wie es eben reagiert… 
Und so landete ich in einer Reitschule, die ganz anders war. Da waren viel mehr Kinder und Pferde. Es wurde in Gruppen – Abteilungen – geritten. Die Pferde standen in Boxen und wurden teilweise bereits gesattelt übergeben. Viele fanden es toll, wenn sie ihr Pferd weitergeben konnten, dann mussten sie es nicht „verräumen“. Der Umgang mit den Pferden war sehr stark auf die Zeit im Sattel reduziert. Und auch hier war der Dialog stark eingeschränkt, durch ein Ding, das ich zuvor noch nie gesehen und sofort gehasst habe: Ausbinder. 
Wie es neugierige Kinder, die alles wissen wollen, so machen, hab ich gefragt wofür die Dinger den gut sind. Antwort: „Die braucht es, damit der Kopf unten bleibt.“ Frage: „Wieso bleibt der nicht ohne unten?“ Leicht säuerliche Antwort: „Das kannst du noch nicht.“
Ich war lange in der Reitschule, wäre ich heute noch dort, könnte ich auch heute noch nicht ohne Ausbinder reiten. Denn mir wurde nie gezeigt, wie das geht – war ja auch nicht nötig, Kopf war ja in Haltung gebunden. 
Ich konnte schon immer damit Leben, etwas nicht zu können, deshalb wollte ich ja alles lernen. Mein Unvermögen aber mit Hilfsmitteln zu überbrücken, statt mit Wissen zu füllen, das kann ich bis heute nicht leiden. 
Die Zeit in der Reitstunde wurde immer müssiger, bis ich irgendwann gar nicht mehr gehen wollte. Ich war regelrecht frustriert, weil mir dauernd gesagt wurde, was ich zu tun hätte und was ich alles falsch machte – wie ich es richtig mache, wurde mir nicht gesagt. Gelernt habe ich hauptsächlich Bahnfiguren und das man nicht immer alles hinterfragen soll. Der Frust wuchs und wuchs und dann schmiss ich alles hin!

…hat auch nicht funktioniert. Schon bald fehlten mir die Pferde, wie die Luft zum atmen. Also suchte ich nach einer Reitbeteiligung – das Beste, das ich tun konnte.
Ich fand auch ziemlich bald eine. Auf einem kleinen Hof, mit nur einer Hand voll Pensionären – Penny steht heute jeden Tag genau dort, wo ich die Lust zum Reiten wiederfand. 
Mit meiner Reitbeteiligung durfte ich fast alles machen: spazieren gehen, Freiarbeit, Schmusen und Kuscheln und Reiten. Ich durfte den Leuten am Stall Löcher in den Bauch fragen – auch wenn mir die Antworten nicht immer gefielen. Ich lernte, dass es – unglaublicherweise – viele verschiedene Reitstile gibt. Jede mit ihren eigenen Mitteln und Überzeugungen. Im Laufe der Zeit durfte ich viele verschiedene Pferde, Besitzer, Reitweisen und Überzeugungen kennen lernen. Ich durfte vieles falsch, aber auch manches richtig machen und ich besann mich auf das, was mir schon als kleines Kind wichtig war. 
Nicht einfach ein Leben mit Pferden, sondern auch ein Leben für die Pferde. Je mehr ich lernte, desto weiter rückte das Reiten in den Hintergrund. Schliesslich waren da jetzt so viele Möglichkeiten für einen Dialog mit dem Pferd. In meinem Kopf wuchs eine Vorstellung davon, weshalb ich mache, was ich mache und nicht nur „wie“ und schon gar nicht „weil man das so macht“. Die ganzen Erfahrungen wurden zu einer Philosophie und Wertvorstellungen, die dem Umgang mit den Pferden zu Grunde liegen. Egal, ob beim Kuscheln auf der Weide, bei der Bodenarbeit oder beim Reiten.
Nur deckten sich diese Vorstellungen nicht immer mit jenen der Besitzern. Und so kam ich auf meinem Weg zu Penny. Zu meinem Pferd. Jetzt bin ich verantwortlich. Und Verantwortung verpflichtet, zu dem, das ich schon als Kind gerne getan habe: Hinterfragen!
Mit Penny kann ich die ganzen Werte und Vorstellungen auf Praxistauglichkeit überprüfen, überdenken und gemeinsam weiterentwickeln. 
Natürlich werde ich auch weiterhin Reiten lernen. Natürlich kann ich das nicht alleine mit meinen Überzeugungen, sondern nur mit Hilfe eines Reitlehrers. Aber mit einem Reitlehrer, der mir zur Selbsthilfe hilft. Der mir bis zum Umfallen erklärt, was, wieso, weshalb und warum. Reiten um des Reitens Willen gibts es für mich nicht mehr. Reiten muss für mich jetzt etwas fürs Pferd tun, es muss etwas zum Pferde-Mensch-Dialog beitragen. Stichwort: Gymnastizierung. Und dieser Dialog soll offen stattfinden und mir ehrlich jeden Fehler und jedes Unvermögen zeigen, die verhassten Ausbinder will ich nie wieder sehen.
Ich bin in meinen Leben noch nie so wenig im Sattel gesessen wie jetzt. Und mit jedem Tag wird mir klarer, dass Reiten gar nicht mein Hobby ist – wenn man hier überhaupt noch von einem Hobby sprechen kann – sondern die Pferde. 
Das Leben mit ihnen hat mich sicherlich sehr geprägt und ich denke, ich wäre ohne sie jemand ganz anderes geworden. Sie haben in mir eine Leidenschaft geweckt, die unglaubliche Motivation und Energien mit sich bringt und nicht am Ponyhof endet, sondern mein ganzes Leben betrifft. 
Beispielsweise, wenn ich bei einer Party freiwillig den Fahrdienst übernehme, weil ich ohnehin nichts trinken werde. Schliesslich will ich am nächsten Morgen mit klarem Kopf bei Penny stehen.



Das Leben mit und für die Pferde ist für mich ein Stück weit zur Persönlichkeitsentwicklung geworden. Zu einer Suche nach mir selbst und dem, was mir wirklich wichtig ist. Penny, für ihren Teil, hilft mir dabei sehr… auch wenn ihre Suche eher den Leckerchen in meinen Taschen gilt.

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