Dienstag, 23. Februar 2016

Bereit für das Abenteuer Jungpferd?

Vielleicht liegt es daran, dass ich nun selbst Mitglied im Club „Jungpferd“ bin, aber mir scheint es, als wäre es populär wie nie, sich ein Jungpferd zu kaufen oder gleich selbst zu ziehen. Es spricht auch vieles dafür. Man weiss schlicht, was man hat. Seinen kleinen Jungspund aufwachsen zu sehen und sich gemeinsam zu entwickeln, schweisst sicherlich auch stark zusammen. Man hat es wortwörtlich selbst in der Hand. Und genau hier liegt der Hund begraben.

Man hat es selbst in der Hand und wenn die Hand nicht weiss, was sie tut, wird aus dem Traum Jungpferd schnell der Albtraum Jungpferd. Im schlimmsten Fall steht man dann vor den Trümmern seines eingestürzten Traumschlösschens und merkt, dass man sich mit dieser Aufgabe übernommen hat.

Die Frage „schaff ich das?“ beschäftigt die meisten Jungpferdebesitzer früher oder später. Ratsam ist es allerdings, sich diese Frage möglichst früh zu stellen. Idealerweise direkt am Anfang, also vor dem Pferdekauf. Und wie es Fragen gerne an sich haben, liegt die Quintessenz nicht in der Frage, sondern in einer ehrlichen Antwort und hier gibt es bekanntlich mehr als eine Wahrheit.

Vor jedem Pferdekauf stehen eine Menge Fragen die auch schon oft thematsiert wurden und beispielsweise hier von Pferdespiegel zusammengefasst wurden. Ich möchte mich im Folgenden ganz auf den Spezialfall "Jungpferd" konzentrieren.

Der romantische Ansatz

„Wenn du es wirklich willst, dann wird das schon.“
„Lebe deinen Traum.“
„Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.“

Ja, das alles sind sehr wohlklingende, motivierende Worte. Mir persönlich schiessen dabei sofort romantisch bis kitschige Bilder im Hollywoodformat vor die Augen, gepaart mit dem Disneyzauber alles erreichen zu können, wenn man es nur von Herzen will.
Klingt toll, fühlt sich toll an, motiviert ungemein, ist aber leider nur die halbe Wahrheit. 
Natürlich ist es wichtig, motiviert und, was nicht weniger wichtig ist, engagiert in das Abenteuer Jungpferd zu starten. Übermotivation birgt aber schnell die Gefahr der rosaroten Brille und der Selbstüberschätzung. 
Neben dem finanziellen Umfeld ist das „Wollen“ ein wichtiger Faktor. Schliesslich nimmt Pferd, egal welchen Alters, ordentlich viel Zeit und Nerven in Anspruch. Dies bekommen insbesondere unsere Partner gerne zu spüren. Auch sie sollten daher in die Entscheidung einbezogen werden. 
Die Frage „Will ich das?“ ist meist noch relativ einfach zu beantworten. Wesentlich selbstkritischer und unangenehmer wird es, wenn man sich ehrlich fragt „kann ich das?“. Und hier endet die Romantik meist.


Der realistische Ansatz

„Wollen tu ich es, können nicht.“

Ein starker Wille ist sicherlich eine gute Basis um zu lernen und sich zu entwickeln. Vieles lässt sich gemeinsam mit dem Pferd erarbeiten und eine gemeinsame Entwicklung sollte ein jedes Pferde-Mensch-Paar begleiten. Dennoch gibts es einige Dinge, die man definitiv können sollte, bevor man sich an ein Jungpferd wagt. – Achtung hinkender Vergleich – Schliesslich melde ich mich ja auch nicht mit Stützrädern zur Tour de France an.
Das schöne an einem jungen, rohen Pferd ist, dass man es formen kann. Es ist offen und unbelastet und ihm stehen alle Möglichkeiten offen. Die richtige Hand kann daraus ein Kunstwerk formen, die falsche einen Haufen Scherben. 
Ist man im Umgang mit ausgewachsenen, erzogenen Pferden unsicher oder hat Schwierigkeiten sobald das gewohnte Schema F nicht funktioniert, sind dies Zeichen, dass man es noch nicht kann – auch wenn der unerschütterliche Wille da ist. 
Jungpferde kennen noch kein Schema. Ihre Reaktionen sind unverhohlen echt und direkt. Sie fragen nicht lange „darf ich das?“ sondern tun es einfach – und dabei finden sie jedes Schlupfloch. Sie lassen unsere Kreativität aufblühen, unsere grauen Zellen aufleben und uns jeden Tag an uns selbst wachsen.

Um die Kleinen auf Kurs zu bringen und gemeinsame Regeln zu etablieren   muss man kein Meister der Reitkunst sein, aber man muss die Sprache der Pferde sprechen. Regeln und Verhaltensweisen müssen dem Kleinen erst verständlich gemacht werden. Dies bedarf einer grossen Portion Selbstsicherheit, eine Prise Kreativität abgeschmeckt mit Selbstbewusstsein. 
An dieser Stelle geben sich Wollen und Können die Klinke in die Hand. 
„Wenn du etwas verlangst, dann sei sicher, dass du das auch willst.“ Weise Worte, aber nur eine Seite der Medaille. Der Wille kann bekanntlich Berge versetzten, Pferde allerdings nicht.
Möchte ich, dass mein Hotta mit mir von A nach B läuft, sollte ich natürlich ausstrahlen, dass ich mir meiner Sache sicher bin. Ängstlich los schlürfen und bibbern, dass kein Geist aus dem Gebüsch springt und mein Pferdchen in die Flucht schlägt, sind nicht gerade Leitqualitäten. Sollte sich dennoch ein Schreckgespenst zwischen meinen Willen und das Ziel gesellen, sollte ich wissen, wie ich diesem begegne und wie ich mein Pferd überzeugen kann, dass Gespenster spätestens seit Caspar total ungefährlich sind. 
Routine ist hier das Hilfsmittel Nummer eins. 
Sicherlich kann man diese Kniffe auch noch lernen, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Allerdings mit der Gefahr, dass Pferd schneller ist und uns abhängt, was die Angelegenheit für beide Seiten doppelt schwierig macht.

Es ist sehr ratsam, seinen unerschöpflichen Willen zu nehmen und motiviert in eine solide Vorarbeit zu investieren.



Der emotionale Ansatz

„Fühlst du auch?“

Sind Wollen und Können klar auf unserem Konto verbucht, haben wir schon zwei wichtige Anforderungen erfüllt, die uns zu geeigneten Jungpferdeeltern machen. Damit wir nicht auf den letzten Metern die Ausfahrt verpassen und bei „Roboter“ landen, fehlt noch der Punkt fühlen.
Fühlen schlägt die Brücke zwischen Können und Wollen und lässt uns Wege abseits gelernter Muster begehen. 
Ein Jungpferd (generell jedes Pferd) „funktioniert“ nicht. Die Ursache liegt darin, dass es schlicht noch nicht gelernt hat, welches Verhalten wir uns von ihm wünschen. Das ist kein Defekt, sondern total normal, regelrecht banal.
Jede Aktion des kleinen Vierbeiners hat seinen individuellen Grund und erfordert eine individuelle Lösung. 

„Mein Pferd will mir den Huf nicht geben. Was kann ich tun?“

Fragen wie diese wird sich jeder einmal stellen müssen. Beantworten kann man sie eigentlich nur selbst, indem man sich in sein Pferd hineinversetzt, denn einen pauschalen Grund wird es nicht geben. Gründe könnten Probleme mit dem Gleichgewicht, Schmerzen, kein Bock oder viele andere Dinge sein. Dies herauszufinden und sein Einfühlungsvermögen zu schulen gehören zum gegenseitigen Kennenlernen. 
Wer also eher der Mechaniker statt der Gefühlsmensch ist, sollte sein Glück bei einem reifen Pferd suchen. Auch hier ist Einfühlungsvermögen ein wichtiger Punkt, jedoch kennt das Pferd viele alltägliche Muster bereits, was die Arbeit erleichtert. 


Der Schwarzseher-Ansatz

„Ich werde das nie schaffen.“

Wer es gar nicht erst versucht, der hat schon verloren.
Es kann gut sein, dass nun der ein oder andere desillusioniert zum Plüscheinhorn greift und sich fragt, ob man all diesen Anforderungen überhaupt gerecht werden kann. 
Seine Motivation und sein Können kritisch zu beurteilen heisst nicht, den Kopf in den Sand zu stecken und zu kapitulieren, wenn man auf eine Schwäche gestossen ist. Keiner von uns ist perfekt und keiner wird es je sein. Selbst wenn man glaubt, alles durchdacht zu haben – man hat garantiert etwas vergessen. Rückschläge und Stolperfallen werden unvermeidlich sein und sind kein Beleg dafür, dass man das nicht schaffen wird. 
Sich seine Stärken und Schwächen ehrlich bewusst zu machen, ist aber der erste Schritt um daran zu wachsen und an sich zu arbeiten. Es gibt Baustellen, die ich aufräumen muss, bevor ich die Verantwortung für ein junges Tier übernehme und es werden sich Baustellen zeigen, die man gemeinsam angehen wird.




Um den Start etwas einfacher zu gestalten möchte ich euch ein paar Tipps auf den Weg geben, die zumindest mir sehr geholfen haben.

  • Sammelt Erfahrung
Vor und während der Zeit mit eurem Hotta. Macht dabei keinen Bogen um „schwierige“ Pferde – sie sind oft die besten Lehrmeister. 

  • Beurteilt euch selbstkritisch und ehrlich
Selbstüberschätzung und Blauäugigkeit sind keine guten Berater. Manchmal tut man sich einen grossen Gefallen, indem man seinen Traum hinten anstellt und Zeit in eine gute Vorbereitung investiert.
Sollte man dann vor dem Jungspund seiner Träume stehen gilt es ein weiteres Mal ehrlich zu sein. Nicht jedes Pferd ist gleich anspruchsvoll und herausfordernd. Es muss auch nicht immer ein schwarzer Hengst zum Glück führen.

  • Stellt Fragen
Auch wenn euch das, was andere tun, komplett doof vorkommt, fragt sie warum und wieso. Vielleicht eröffnen sich euch Blinkwinkel, die zuvor im Dunklen lagen. Wenn nicht, dann verbucht es unter Negativbeispiele. Denn auch zu wissen, wie man etwas nicht macht, kann hilfreich sein.

  • Sucht ein angenehmes Umfeld für euch und euren Vierbeiner 
Die modernste Reitanlage bringt nichts, wenn man sich dort nicht geborgen fühlt. Ständige Lästereien und Angst vor hämischen Sprüchen sind kein Umfeld, in dem man an der Beziehung zu seinem Pferd arbeiten kann. Gerade in der ersten Zeit fühlt man sich gleich viel sicherer, wenn man helfende Hände zur Seite hat, Fragen stellen kann und sich traut Fehler zu machen.

  • Kennt Ansprechpartner
Hilfe zu suchen ist kein Zeichen von Schwäche. Einen Trainer, der für Pferd und Mensch passt zu finden ist jedoch nicht immer leicht. Ich empfand es als sehr hilfreich einen Trainer zu haben, den ich schon vor Penny kannte und um unser beiden Stärken und Schwächen weiss.

  • Habt Spass! 
Sein Pferd aufwachsen uns sich entwickeln zu sehen ist mit viel Verantwortung verbunden. Trotzdem sollte man sich davon die Freude nicht vermiesen lassen. Immerhin ist es eine wundervolle Reise und eines ist sicher – Fehler werden wir alle machen, doch die meisten sind halb so wild.


Wer mich kennt, kann sich nun fragen ob ich selbst all diese Vorraussetzungen erfüllt habe. Ein Reitmeister war ich nicht und bin ich nicht. Aber ich hatte doch viele Erfahrung mit den unterschiedlichsten Pferden gesammelt, viele Fehler bereits gemacht und ein tolles Umfeld gefunden, indem Penny und ich uns entwickeln können.
Die Frage ob ich das wohl schaffen werde, stelle auch ich mir noch regelmässig. Aber Angst vor einer ehrlichen Antwort habe ich keine. Sollte ich meine Grenzen doch falsch eingeschätzt haben, habe ich Ansprechpartner und erfahrene Personen, an die ich mich wenden kann. 

… und bisher läuft es einfach nur super :)

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