Samstag, 16. April 2016

Pennys Notiz – von den Geistern, die uns umgeben

Wendy schnaubt und mahlt langsam das Heu zwischen ihren wenigen verbliebenen Zähnen. Sie ist alt und blass, gezeichnet von den Spuren, die das Leben hinterlassen hat. „Weisst du Penny,“ beginnt sie zu erzählen, „ich habe viele Menschen erlebt und kann dir viel über sie berichten.“ Und genau das war Wendy im Begriff zu tun. Das kann also ein laaaanger Nachmittag werden. Hoffentlich kommt meine Trulla bald. Wendy beginnt die Geschichte ihrer Menschen und zwar, als sie selbst noch ein junger Hüpfer war. Was nun mindestens hundert Jahre her sein muss.
„Ich war damals so jung wie du es jetzt bist, Penny,“ beginnt die alte Wendy ihre Geschichte.
„Meine Menschen hatten mich bei einem Züchter entdeckt. Da lebte ich mit meiner Herde. Wir
fanden uns gegenseitig sofort toll und wenig später zog ich bei ihnen ein. Sie hatten so viele Pläne mit mir und machten sich auch bald daran, diese zu verwirklichen. Wir übten viel und ich lernte schnell, was die Menschen von mir wollten, auch wenn sie sich gerne mal selbst widersprachen. Ich weiss noch, wie meine Frau das erste Mal mit mir ins Gelände ging. Es war so unglaublich spannend und verglichen mit meiner Paddockbox so voller interessanter Dinge. Sie lief mit mir ein kleines Stück in Richtung Wald. Da war eine kleine Lichtung mit unglaublich leckerem Gras. Da hielt sie an und begann an dem Ding auf meinem Rücken zu werkeln. In der Zwischenzeit wollte ich mich dem tollen Gras widmen, welches mein Mensch hier entdeckt hatte. Die Frau fand das gar nicht gut von mir und riss unsanft an den Zügeln. Das Metallding in meinem Maul tat weh. Doch ich konnte dem Schmerz nicht entfliehen, da meine Frau mir das Maul zugebunden hatte. Dann schwang sie sich auf meinen Rücken und liess mich anlaufen. Die Welt da draussen war so wunderschön. Überall gab es Dinge zu entdecken und ich kam aus dem Gucken gar nicht heraus. Die Frau teilte meine Freude nicht. Rupfte immer wieder an dem Ding in meinem Maul und murmelte allerlei vor sich hin.“
Wendy erzählte weiter, wie ihre Menschen sie auch auf dem Viereck begannen zu reiten. Und wie ihr das gerade am Anfang sehr schwer viel. Der Mensch auf ihrem Rücken brachte sie regelmässig aus dem Gleichgewicht und sie war furchtbar schnell erschöpft. Irgendwann hatte ihr Mensch etwas mitgebracht, dass ihr den „Weg nach unten“ zeigen sollte. „Sie schnallten etwas an meinem Maul fest, das verhinderte, dass ich meinen Kopf heben konnte. Diese Haltung war scheusslich unbequem und überall begann es zu ziehen und zu kneifen. Bald tat mir der Rücken weh und auch der Bauch, vom ständigen Schenkelklopfen meiner Frau.“
Die Menschen hatten es nicht gerne, wenn man schlauer als sie ist. Sie würden einen dann „dummes Pferd“ nennen, dabei sind sie ja die Blöden. Auch seien sie nicht gerade talentiert, wenn es um Selbstkritik gehen würde und wenige hätten Sinn für Humor. Dafür seien sie aber um keine Ausrede verlegen. Besonders, wenn sie runterfielen wären sie richtig gekränkt und niemals selbst Schuld.
Wendy berichtete von Turnieren, vielen fremden Pferden und von anderen aufregenden Dingen, von Erfolgen und Glücksmomenten aber auch wie schrecklich aufgeregt sie jedes mal war. Immer wieder kam sie an neue Orte und konnte sich kaum konzentrieren, war da doch so viel Unbekanntes.
Und davon, dass sie dafür das falsche Pferd zu sein schien. Weshalb ihre Menschen sie einem anderen gaben, wo sie wohl glücklicher werden würde.
Sie kam an einen Stall mit vielen Kindern, in jedem Alter. Wendy mochte Kinder sehr und es war eine schöne Zeit. „Mittags kamen die Kinder ganz freudig in den Stall gelaufen. Begrüssten uns aufgeregt, putzten uns, kümmerten sich. Dann ging es auf den Platz. Häufig in Gruppen. Reitunterricht nannten sie das. Einige Kinder waren sanft andere weniger. Manche rupften ganz schrecklich an den Zügeln und klopften mit den Sporen, dass es weh tat. Andere waren ganz sanft und kraulten uns sanft den Rist. Schnell wusste Wendy, welche Menschen sie lieber mochte und welche nicht. Manche schienen regelrecht erbost zu sein, wenn der Reitlehrer sie zu Wendy schickte. Die waren dann auch nicht so sanft und liessen sie ihre Unmut spüren.
Wirklich schlimm seien aber die Mütter gewesen. Die Kinder hätten ja noch zuhören können, aber die Eltern wollten nicht hören und von den Fehlern ihrer Kinder wollten sie erst recht nichts wissen. Da müsse nur ein besseres Pferd her.
Sie erzählte, wie sie den Kindern allerhand beibrachte. Sie zeigte ihnen, wovor sie sich fürchtete, wie sie die Hilfen am Zügel richtig geben sollten, wie man ruhig im Sattel sass, dass sie es nicht toll fand wenn das Bein zu weit hinten war und wie man sich den Staub abklopfte und wieder aufsass… Sie lernte den Kindern viel über sich selbst. Wie sie kommunizierten ohne zu sprechen. Einigen machte Wendy ihre Körpersprache bewusst. Machte sie stolzer und selbstsicherer.
Manche Menschen verstanden sie schneller, andere gar nicht. Manche bewiesen Feingefühl andere nur Unverständnis und Taubheit. Viele Kinder kamen nicht mehr, wenn sie älter geworden waren.
„Mit den Jahren wurde ich meiner Aufgabe müde. Tag ein Tag aus wurden wir aus unseren Boxen auf das Viereck gezogen, nur unterbrochen von kleinen Ausritten. Ich begann die Jahre in meinen Knochen zu spüren. Sie wurden steifer und unbeweglicher, was mir die Arbeit auf dem Platz immer schwerer machte. Das ständige Klopfen und Rupfen hatten mich abstumpfen lassen und das Gewusel in der Stallgasse machte mich ganz nervös und gehässig. Irgendwann hatten auch die Kinder keinen Spass mehr an mir.“
Wendy fand einen neuen Menschen. Diesmal für sich ganz allein, der sich nur um sie kümmerte. Sie zog in eine Gruppe mit anderen Pferden und durfte endlich viel Zeit auf der Koppel verbringen. Die Jahre hatten sie etwas eigensinniger gemacht. Ihr Nervenkostüm war noch dünner geworden. Bei manchen Ausritten bekam sie es ab und an mit dem Schrecken zu tun. Da ihre Menschen das Davonstürmen nicht so toll fanden, versuchten sie es mit Metall im Maul, dass noch mehr weg tat. Manchmal, wenn Wendy bockte weil es ihr im Rücken weh tat, wurden die Menschen ärgerlich und klatschten ihr eins mit dem Stock. Auch die andern Pferde in der Gruppe machten es Wendy nicht leicht. Sie war stets alleine gewesen und wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte. Sie geriet in den Ruf „schwierig“ zu sein. Ihre Menschen kamen immer unregelmässiger, unternahmen immer weniger mit Wendy. Dafür aber brachten sie ihr jedes mal etwas Leckeres zu essen. Müsli nannten sie es und es schmeckte so herrlich süss. Aber danach rumorte es immer so komisch in Wendys Bauch. Irgendwann war das Bauchweh so schlimm, dass der Tierarzt kommen musste.
„Meine Menschen schienen irgendwann zu verstehen, was ich ihnen sagen wollte. Das Metall in meinem Maul wurde wieder angenehmer, verschwand manchmal komplett. Sie machten Übungen mit mir, die mich gymnastizieren sollten. Auf den Ausritten liessen sie mich schauen und waren mir auch nicht mehr so böse, wenn ich mich erschrak. Es kam auch ein Mensch, der das Ding auf meinem Rücken angenehmer machte, so dass es nicht mehr drückte. Es hatte etwas gedauert, aber die Menschen schienen immer mehr zu verstehen, was ich ihnen sagen wollte. Sie hörten besser zu und waren aufmerksamer.“
Sie berichtete von allen möglichen und unmöglichen Dingen. Davon, wie man dem Menschen etwas so zeigen konnte, dass sie es auch wirklich verstanden. Von Momenten, in denen sie ihren Menschen unglaublich nahe war und es ihr vorkam, als verstünden sie jeden ihrer Gedanken. Und leider auch von Momenten, in denen Wendy schmerzlich bewusst wurde, dass ihr Mensch sie falsch verstand.
Irgendwann merkten ihre Menschen, dass Wendy sie nicht mehr tragen konnte. Anfangs war der Unmut spürbar und sie fürchtete, keinen Platz mehr im Leben ihrer Leute zu haben. Doch dann entdeckten sie neue Dinge, die sie gemeinsam am Boden machen konnten. Sie lernten zusammen  und waren sich näher, als sie es vom Sattel aus waren. Wendy hätte sich gewünscht, dass ihre Menschen viele dieser Sachen schon eher entdeckt hätten.
„Weisst du Penny, ich habe Vieles über die Menschen gelernt. Aber sie haben sicher auch Vieles von mir lernen können, wenn sie denn mal endlich zugehört haben. Manche Fehler müssen die Menschen machen, damit sie an sich wachsen können. Diese Fehler müssen wir ertragen und ihnen nachsehen. Wir müssen den Menschen die Chance geben, daraus zu lernen, damit sie es besser machen können und ihren Weg finden. Und wenn sie das schaffen, dann werden sie diese Fehler nicht wiederholen und vielleicht musst du dann nicht das spüren, was ich manchmal spüren musste. Vielleicht bleibt dies dann anderen Pferden erspart…“
Ein Motorengeräusch erregt meine Aufmerksamkeit. Meine Frau ist gekommen. Ich hebe den Kopf, spitze die Ohren. Die Autotüre knallt zu, ein Pfiff. Ja das ist sie! Brummelnd laufe meinem Menschen entgegen.
Ein kurzer Blick zurück – Wendy ist verschwunden. War nie wirklich da gewesen. Ihren Platz habe vor einiger Zeit ich eingenommen. Vieles aus Wendy Erzählungen habe ich nicht verstanden. Doch ich sehe, dass mein Mensch zu wissen scheint, wovon Wendy sprach. Sie scheint meiner Frau Vieles beigebracht zu haben, hat ihr viele Fehler verziehen. Mein Mensch scheint Wendy sehr dankbar zu sein. In manchen Situationen sehe ich in den Augen meines Menschen ein melancholisches Funkeln, eine kleine Mahnung Wendys, Fehler nicht zu wiederholen. Ihr Geist umgibt meinen Menschen, hat ihn zu dem gemacht, der er ist. Macht ihn zu dem, als der er mir begegnet.

Kommentare:

  1. Soo toll geschrieben!!!! Hatte Gänsehaut als ich es gelesen habe, du schreibst wirklich gut!!!👌🏼

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  2. So eine berührende Geschichte! Hast du wirklich ganz toll geschrieben! Es wird wirklich vieles klarer, wenn man versucht, es aus der Pferdesicht zu sehen. :)

    Liebe Grüße
    Tina

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