Sonntag, 3. April 2016

Wut – Hilfe ich seh rot!


Pferde machen vieles mit uns. Sie machen uns glücklich, ehrgeizig, pflichtbewusst, vielleicht sogar zu besseren Menschen und trotzdem sind wir manchmal wütend auf sie.
Wütende Reiter sieht man überall. Manchmal brennt die Wut gut sichtbar wie ein grosses Feuer. Manchmal ist es auch nur ein kleines Lodern in den zusammengekniffenen Augen. Manche versuchen ihre Wut runterzuschlucken, andere lassen sie an ihrem Pferd aus. Die Wut kennt viele Gesichter. Sie hat viele Gründe und sie kann die verschiedensten Dinge mit uns machen.
Mich machte sie vor allem wütend. Ich war wütend, weil ich Wut empfand. Wut ist tabu. Man hat nicht wütend zu sein. Wütende Reiter ernten ein verächtliches Schnauben und gerümpfte Augenbrauen. 

Darf ich wütend sein?

Ja! 
Gefühle und Emotionen sind grundlegend mit der Arbeit mit Tieren verbunden. Genauso wie Freude gehört auch Wut zu uns. Sie ist ein Teil von uns und dieser Teil ist völlig ok. Ein Gefühl tut noch keinem weh. 
Wut ist eine Warnung, ein Aufhorchen. Sie zeigt uns, dass diese Situation etwas mit uns macht, unsere Aufmerksamkeit verlangt. Die Wut signalisiert „Achtung!“.
Sie ist wie ein kleiner Funke. Für einen Moment ist alles dunkel. Alle Augen sind auf den kleinen Funken gebannt, voller Anspannung, worauf er fallen wird. Fällt er ins Wasser und verpufft oder findet dieser Funken die Nahrung sich auszubreiten, zur Aggression zu werden und uns die Kontrolle zu entreissen?

Ich bin nicht der Ansicht, dass emotionsloses Reiten oder Arbeiten die Lösung ist. Das Leben mit Tieren ist voll von Gefühlen. Wichtig ist, dass wir lernen diese Gefühle in einer fairen und verständlichen Weise zu artikulieren. 
Es gilt, geleitet durch unser Gefühl zu reagieren und nicht unsere Gefühle abzureagieren.


Warum bin ich wütend?

Um dem kleinen Funken nicht die Möglichkeit zu geben zu einem grossen, starken Feuer zu werden hilft es häufig schon, seine Ursache zu kennen. 
Und diese Ursachen können vielseitig sein. 
Wir sind wütend, weil das blöde Pferd nervös um uns rumtänzelt und kaum zu halten ist. Und das, obwohl es diesen blöden Weg seit Jahren kennt und noch nie so ein Affentheater veranstaltet hat. Wir sind wütend, weil das olle Tier partout nicht in den Hänger will, dabei eilt es.
Ja verdammt, es macht einen einfach wütend, wenn der Gaul sich plötzlich so doof anstellt, obwohl das doch sonst immer geklappt hat. Vor den Augen der üblichen Besserwisser, die sich schon dabei sind das Maul zu zerreissen. Dabei wollte man es denen heute doch so richtig zeigen.

Wir sind wütend, weil hier etwas nicht nach unserem Plan läuft und wir nicht in der Lage sind, zu verstehen, weshalb sich unser Pferd gerade so benimmt. Oder weil wir ungeduldig sind, unter Druck stehen.
Die Situation entzieht sich vielleicht unserer Kontrolle und sie stimmt so gar nicht mit unseren Vorstellungen und Erwartungen überein und das macht uns wütend. 

Worauf bin ich wütend?

Viel zu schnell richten wir unsere Wut gegen unser Pferd. Viel zu oft tun wir das, weil es einfach ist. Weil unser Pferd sich unserer Wut schwer erwehren kann und sein Fehlverhalten doch der offensichtliche Auslöser unserer Wut ist – oder?

Dein Pferd ist dein Spiegel. Es schmeichelt dir nie. Es spiegelt dein Temperament. Es spiegelt auch seine Schwankungen. Ärgere dich nie über dein Pferd; du könntest dich genauso gut über dein Spiegelbild ärgern. – Rudolph C. Binding

Ein Zitat, dass ich oft gehört und lange nicht verstanden habe. Das dann aber zu meinem Leitgedanken wurde und mir in so vielen Dingen die Augen öffnete. 
Ein Pferd hat keine böse Absicht, es will uns nicht erzürnen. Es ist nicht Schuld daran, dass die Blicke der Bandenprofis uns nervös machen. Aber es spürt uns. Es lässt sich von unseren Emotionen beeinflussen. Unsere innere Anspannung springt über.
Mit seinem Verhalten versucht das Pferd uns etwas zu zeigen. Das nervös tänzelnde Jungpferd will uns vielleicht sagen, dass ihm die Situation unangenehm ist und wir ihm zu wenig Schutz geben. Gerade junge Pferde reagieren sehr unverhohlen und direkt und bleiben von ihrem Besitzer leider oft unverstanden.
Wir sollten also nicht wütend über die ehrliche Reaktion unseres Pferdes sein, sonder höchstens auf uns. Denn wir haben das Pferd in diese Lage gebracht. Wir haben es den kritischen Blicken der zickigen Bandenprofis ausgesetzt, Druck aufgebaut und sein Unwohlsein nicht gehört.

Dazu kommt, dass unser Pferd die Wut, die gegen es gerichtet wird nicht verstehen kann. Seine Irritation kann dazu führen, dass sich wehrt, immerhin wird es gerade unfair behandelt. Da wir aber bereits in unserer Wut versunken sind, hören wir seine Einwände nicht mehr und lassen unserem Pferd keine Möglichkeit die Situation zu klären. Wir werden noch wütender werden, weil das Pferd durch unsere Anspannung weitere Fehler machen wird. Noch mehr Nahrung für den Funken. Und ehe wir es uns versehen konnte die Wut zur Aggression werden.

Was macht die Wut mit mir?

Die wahre Ursache der Wut zu erkennen ist häufig schon der erste Schritt, diese nicht zur Aggression werden zu lassen. Denn noch haben wir es in der Hand, was die Wut mit uns macht. 

„Wut festzuhalten ist, als ob man nach einem Stück heißer Kohle greift, um es nach jemandem zu werfen - man verbrennt sich nur selbst.“
―Buddha

Im ersten Moment packt uns die Wut, versetzt uns in Anspannung und höchste Alarmbereitschaft. Sie verengt unser Sichtfeld, schnürt uns die Luft ab und lenkt unseren Fokus auf das Problem. Aber sie bietet uns auch die Möglichkeit dieses Problem zu erkennen und dessen Ursache zu beheben, den Funken zu löschen und daran zu wachsen. 
Erkennen wir die Gründe unserer Wut rechtzeitig, kann sie uns eine Warnung sein. Im besten Falle sogar Motivation. Sie ermahnt uns einen Ausweg aus dieser Situation zu suchen.
Das Schwierigste im Umgang mit der Wut ist, ihr nicht die Kontrolle zu überlassen – zu agieren, statt abzureagieren. 

Wie kann ich mit Wut umgehen?

Zunächst einmal gilt es die Wut zu akzeptieren. Sie ist ein unglaublich starkes Gefühl und liefert uns jede Menge Energie. Diese Energie können wir positiv nutzen.

  • Stopp!
Ja wirklich Stopp. Anhalten, in sich gehen. Vielleicht sogar absteigen. Jedenfalls aussteigen und sich von der Wut nicht leiten lassen. 
Visualisiere ein Stopp-Schild und atme erst einmal tief durch.

  • Abstand nehmen
Versuche die Situation aus der Sicht eines objektiven Dritten zu sehen. Erzähle dir selbst ganz sachlich, ohne jede Wertung, was hier gerade passiert und beobachte die Situation aus einer neutralen Perspektive. 

  • Positiv denken
Fokussiere ein positives Ereignis. Erzähl dir selbst eine kleine Erfolgsstory. Oder male dir aus, wie du diese Situation meistern wirst. Wie du ruhig wirst, auf dein Pferd steigt und den Ritt deines Lebens hinlegst. 
Sieht Penny ein Schreckgespenst erzähle ich ihr teilweise die aberlustigsten Geschichten davon, wie wir diesem Gespenst so richtig in den Hintern treten. 
Dein Pferd wird diese positive Stimmung spüren und du wirst nicht länger an das denken, das dich wütend macht, sondern wie du es überwindest.

  • Die Wut abschütteln
Verkrampft und verbissen lässt sich nicht reiten. Mach den Hampelmann. Locker deine Glieder, schüttel die Wut ab, befrei dich von der Anspannung und atme wieder tief durch.

  • Immer schön lächeln
Die blöden Hühner auf der Stange warten immer noch darauf, dass du einen Fehler machst? Nimm´s mit Humor. Lach darüber, dass sie nix besseres zu tun haben. Frag sie, ob sie die Show geniessen. Aber nimm sie nicht ernst. Von der Bande aus sind wir alle Profis.
Ein ehrliches Lächeln entspannt und lockert die Situation. 


Wie kann ich Wut vermeiden?

Steht eine Situation an, die das Potential und den Zündstoff in sich birgt und wütend zu machen, denkt nicht daran, was alles schief gehen kann. Sondern versucht mit einer positiven Grundstimmung in diese Situation zu gehen. 

Nehmt euch einen Moment Auszeit und atmet tief ein und aus. Dann fokussiert ihr drei Szenarios oder Eigenschaften eures Pferdes, die euch stolz machen. Stellt euch nochmal vor, wie toll dieses Gefühl war. Vielleicht kommt eurer Liebling euch auf der Weide regelmässig entgegen. Geht nochmal in diese Situation und lasst sie auf euch wirken. 
Egal welche Stolpersteine vor euch liegen, diesen Glücksmoment kann euch keiner mehr nehmen. Haltet ihn fest und zieht Kraft daraus.

Bei mir ist dies mittlerweile schon zu einem kleinen Ritual geworden. Auf dem Weg zum Stall rufe ich mir vor Augen, wie toll meine Kleine doch ist. Wie sie mich das letzte mal glücklich gemacht hat und was wir schon alles gemeistert haben. Das verhindert auch an stressigen Tagen, dass ich das Gefühl habe zum Pferd zu „müssen“. Oder meine Anspannung auf mein Pferd übertrage.

Fazit

Diesen doch sehr langen Post möchte ich mit einem kleinen Fazit beenden.
Wut ist nach wie vor ein kleines Tabu über das man nur ungern spricht. Das liegt nicht zuletzt daran, dass wir Wut häufig mit Aggression assoziieren und dabei einen groben Umgang mit dem Pferd vor Augen haben. Dabei streben wir alle ein harmonisches Miteinander an.
Wut muss aber nicht zwangsweise entweder in Aggression oder in Emotionslosigkeit enden. Wichtig ist es, einen fairen Umgang mit diesem Gefühl zu finden und sich dabei unter Kontrolle zu halten. 
Wie alle Empfindungen hat auch Wut eine Botschaft. Sie zeigt uns, dass der eingeschlagene Weg falsch ist und wir die Richtung wechseln sollten. Das Schwierige im Umgang mit der Wut ist, durch den Tunnelblick , den sie uns auferlegt, nicht die nächste Ausfahrt zu verpassen und in einer unproduktiven, vielleicht sogar kontraproduktiven Situation stecken zu bleiben.
Akzeptiert man Wut als einen Teil von sich und lernt, auch wenn man einmal rot sieht zu agieren, statt abzureagieren kann sie uns als Warnfunktion dienen.
Gleichzeitig hilft ein geregelter Umgang mit diesem Gefühl dabei, gar nicht mehr wütend zu werden und auch in stressigen Situationen einen kühlen Kopf  zu bewahren.

In diesem Sinn – holt einmal tief Luft und zählt auf zehn :) 


Mehr zum Thema: 

Wie wichtig Gelassenheit im Umgang mit Tieren ist, erfahrt hier bei Pferde-Schule
Mehr zum Thema "Stopp!" könnt ihr bei "fühlend reiten" nachlesen. 


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