Montag, 9. Mai 2016

Gebiss? – Nein, danke.

Es finden sich viele Argumente und Studien, die die Vorteile des gebisslosen Reitens beleuchten. Ebenso viele Argumente finden sich auf Seite der Kritiker. Ich habe in den vielen Stunden Statistik- und Ökonometrievorlesung gelernt, keiner Studie zu trauen. Psychologie lernte mir, dass der Mensch nach Informationen sucht, die einen Konflikt zu seiner bisherigen Einstellung vermeidet.
Also möchte ich hier nicht mit Studien, Zahlen und Fakten aufwarten, sondern mit meiner ganz persönlichen Geschichte.

Vorweg: In meinem bisherigen Reiterleben blieben mir auch blaue Zungen und zugeschnürte Pferdemäuler erspart, genauso wie Rollkur und blutiger Schaum. Ich kenne viele Reiter, die ein Gebiss als Werkzeug benutzen und nicht als Waffe missbrauchen und einen sanften, respektvollen Umgang mit ihrem Pferd pflegen. 
Trotzdem hatte mein Bauch etwas zu meckern, als ich mit dem Gebiss in der Hand vor Penny stand…

Sehr lange Zeit war ein Gebiss für mich das Normalste der Reiterwelt. So normal, dass ich mir gar nie Gedanken darum gemacht habe. Es wurde mit Gebiss geritten und am Gebiss longiert und ja, es wurden auch Hilfszügel verwendet. Das war normal, weil alle es machten.

Mit meiner ersten Reitbeteiligung folgte der ersehnte Blick über den Tellerrand. Da waren viele neue und spannende Dinge, und Besitzer, die offen genug waren, mich probieren zu lassen.
So entdeckte ich einen Zaum, der mit seinem kleinen Rädchen aussah, wie ein besonders schönes Lederhalfter.
Meine Reitbeteiligung neigte dazu, ihr Tempo selbst zu wählen, ohne lang mit mir Rücksprache zu halten. Ihr liebstes Tempo war Renngalopp – mit oder ohne mich. Da ich lieber oben sitze, statt unten liege, war es meistens mit mir, aber ohne meine Zustimmung. Auf gut deutsch: mir ging das Pferd durch.
Das kleine Rädchen mit dem passenden Namen „Glücksrad“ war mir sofort sehr sympathisch. Die Gerüchte, dass Pferde gebisslos nicht mehr zu halten seien, hatte ich Gott sei Dank noch nie gehört und da ich wusste, dass ich mit Gebiss bisher nur verloren hatte, hatte ich nichts zu verlieren. 
Glücksrad drauf, Reiter auch und ab ins Gelände – und sieh an, diesmal konnte ich mein Pferdchen nach wenigen Metern wieder abfangen. 
Seither begleitet mich mein Glücksrädchen bei vielen Pferden. Auf dem Platz, am Boden und im Gelände. Auch bei Pferden, die nur noch mit Kandare zu halten sein sollten.
Selbstverständlich soll angemerkt sein, dass die Zäumung einer von vielen Faktoren ist und allein noch keinen guten Reiter macht!

Mit dem Blick über den Tellerrand lernte ich auch, dass man nicht am Gebiss longiert. Die Gründe dafür sind vielseitig und genau so vielseitig ist die Variation an verschiedenen Kappzäumen.

Mit Penny öffnete sich eine weitere Tür am Horizont. Bisher hatte ich viele verschiedene Dinge gelernt, die man bei einem Pferd macht oder nicht, verschiedene Ansätze und Möglichkeiten. Mit einem Jungpferd hatte ich plötzlich ein unbeschriebenes Blatt vor mir. Alle Türen standen weit offen und es lag nur an Penny und mir zu entscheiden, durch welche wir gehen wollten.

Dass wir mit dem Kappzaum beginnen würden, stand ausser Frage. Richtung: akademische Reitkunst. Für mich eine Reitweise, die Kraft, Leidenschaft und Eleganz wie keine andere zum Ausdruck bringen kann und mich fest in ihren Bann gezogen hat.

Die Arbeit mit dem Kappzaum lief und läuft sehr gut. Er hat sich mittlerweile zu meinem absoluten Lieblingswerkzeug gemausert. 
Ich hatte mich auch fleissig belesen, dass ich die Anfänge mit dem Kappzaum legen könne und dann auf Kappzaum in Kombination mit dem Gebiss umsteige.
Ich hatte auch noch alle möglichen Varianten im Schrank, schliesslich sind die Geschmäcker ja unterschiedlich. Und so kam der Tag, an dem ich Penny das Gebiss anlegte. 
Ihre Begeisterung hielt sich verständlicher Weise im Rahmen, aber sie machte auch kein grosses Ding draus. Noch drei, vier Mal, dann wäre das für sie schon selbstverständlich.
Ich wusch das Gebiss ab und hing es neben mein LG an den Schrank.
In den kommenden Tagen dachte ich nach. Ich fragte mich nach dem „Wieso?“. Wieso sollte ich mein Pferd an das Gebiss gewöhnen?
Alle Schritte, die Penny und ich bisher gegangen waren hatten einen Grund, waren ein Steinchen für das Fundament, auf dem wir unsere Zukunft bauen sollten. Ich hatte mir geschworen, nichts mehr zu tun, weil man es eben tut. Alles zu hinterfragen und meinem Pferd nur zuzumuten, was mir sinnvoll, zielführend und respektvoll erscheint. 
Was also konnte das Gebiss für uns tun?

Mir viel nichts ein.

Damals noch mit Lammfellpolster :)
Penny nahm die Zügelhilfen über den Kappzaum sehr fein an. Ein Gebiss hätte nicht mehr für uns tun können. Wieso sollte ich von etwas abweichen, dass super funktionierte?
Dass es möglich ist, eine gymnastizierende Dressur auch gebisslos zu reiten, davon war ich schon lange überzeugt. 
Das Argument, dass hohe Lektionen die Anlehnung am Gebiss erfordern, lasse ich unkommentiert, da ich bei einem damals 3 jährigen Pferd so weit von hoher Schule entfernt war, wie mein Konto von den schwarzen Zahlen.  (Im Übrigen machen unmögliche Dinge hinterher immer am meisten Spass ;) )
Zudem bekam ich als Zahnarztphobiker par excellence schon bei wenigen Minuten Zahnspange Tobsuchtsanfälle und fände es nicht gerade erheiternd, wenn jemand auf die Idee käme, mir im Mund rumzuzupfen. 
Bisher ist mir noch kein zwingender Grund für das Gebiss eingefallen (ähnlich steht´s für Hilfszügel). Mein Bankkonto unterstützt es auch sehr, dass es die Belastung des Gebiss-Kaufs nicht tragen muss.
Und so ziehen Penny und ich weiterhin gebisslos unsere Runden. Sei es an der Longe, Kurz- und Langzügel oder unterm Sattel. 
Penny weiss glücklicherweise nicht, was wir Menschen für (un-)möglich halten und gibt einfach ihr Bestes. Ich persönlich bin ein Bauchmensch und glaube erst, was ich selbst versucht habe. 

Vorteile des gebisslosen Reitens:

  • Gewohnheit
Viele Jungpferde sind mit den Signalen über den Kappzaum schon vertraut. Die meisten gebisslosen Zäume bauen darauf auf und behalten die Systematik bei. Das Pferd muss sich nicht stark umgewöhnen.

  • Präzision
In meinen Augen wirkt gerade das Glücksrad mit seinen vielen Einstellungsvarianten sehr präzise. Meine Signale kommen dort an, wo ich sie haben will.

  • Maulspalte
Gerade Ponys haben häufig eine sehr kleine, feine Maulspalte. Die Gebisssuche ist hier noch schwieriger und meist bleiben nur dünne, scharfe Gebisse.


Wo der Fehlerteufel sitzt:

  • Kennt man einen, kennt man längst nicht alle. 
Die Auswahl an gebisslosen Zäumen ist extrem vielseitig. Sie unterscheiden sich dabei mitunter stark in ihrer Wirkungsweise. Ist das Pferd mit einem davon nicht zufrieden, ist dies noch kein Grund, die Flinte ins Korn zu werfen.

  • Geduld
Ein Pferd umzustellen erfordert Zeit. Genauso, wie es lernen musste die Signale des Gebisses zu deuten, muss man ihm langsam zeigen, wie es mit den neuen Impulsen umzugehen hat.

  • Mit der Hand gedacht
Die Zäumung ist nur ein Faktor. Geritten wird grundsätzlich unabhängig von der Hand. Es kann durchaus sein, dass man beim Umstieg auf einen gebisslosen Zaum seine Vorstellung davon, was Anlehnung ist, überdenken muss. Für mich ist Anlehnung mehr, als reiner Zügelkontakt. Wer sich gerne genauer über das Thema „Anlehnung“ informieren möchte, wird hier fündig. 

  • Angst & Vorurteil
In unseren Köpfen ist das Gebiss fest verankert. Gerade bei feurigen Pferden glauben wir, gebisslos keine Chance zu haben. Das ist Irrglaube. Gerade bei Jungpferden hat man es selbst in der Hand, worauf man sie prägt. Zudem ist der Nasenrücken ebenfalls sehr empfindlich, wodurch auch gebisslose Varianten Potential zur Schärfe mit sich bringen.
Auch bei Alessa Neuner könnt ihr mehr zum Thema und den gängigen Vorurteilen erfahren.


Wie war das mit der Versicherung?

Die Versicherung haftet nur beim Reiten mit Gebiss. Zumindest wird einem das häufig erzählt. Mittlerweile ist man als gebissloser Reiter längst kein Exote mehr und viele Versicherungen berücksichtigen dies. Am besten klärt ihr das direkt mit eurem Versicherer ab.


Aber spätestens bei der StVO bekommt man Probleme.

Vorweg, ich bin kein Rechtsexperte und kann nur wiedergeben, was im Gesetzestext festgehalten ist. Das Reiten auf öffentlichen Verkehrsflächen ist durch die StVO geregelt. 
Entgegen der gängigen Meinung wird dort nirgends explizit ein Gebiss gefordert.
„ Pferde sind im Straßenverkehr nur zugelassen, wenn sie von geeigneten Personen begleitet werden, die ausreichend auf sie einwirken können. Wer ein Pferd begleitet (also reitet oder führt), muss über reiterliches Können bzw. die erforderliche körperliche Konstitution verfügen. Dazu gehört auch die richtige Ausrüstung (man kann z.B. mit Stallhalfter und Strick reiten, jedoch nicht mit ausreichender Sicherheit im Straßenverkehr) - § 28 StVO. „ 


Die Gebisslos-Welt ist riesig und ihre Varianten mindestens so vielseitig, wie die Auswahl an Gebissen. Dabei ist gebissloses Reiten kein neuer Trend, sondern hat in vielen Reitweisen bereits Tradition. 

Um euch einen kurzen Einblick zu geben, möchte ich zwei gebisslose Varianten kurz vorstellen. Beide benutze ich regelmässig und kann sie guten Gewissens empfehlen.

Old but gold – der Kappzaum
Wie bereits erwähnt begann bei Penny und mir die Arbeit am Kappzaum. Wir haben uns für das portugiesische Modell mit dem schrecklichen Namen „Serreta“ entschieden. Dieser Kappzaum besitzt ein breites Naseneisen, an dem drei flexible Ringe angebracht sind. Einer in der Mitte und zwei seitlich. Durch das Naseneisen sitzt der Kappzaum ohne zu verrutschen oder sich zu verziehen. Ein Ganaschenriemen hält das Backenstück vom Auge fern. Anfänglich nutzen wir den Kappzaum für das Longieren und die klassische Handarbeit. Mittlerweile reite ich damit auch sehr gerne. 
Es gibt auch einige Kappzäume an die man ein Gebiss anbringen kann, um das Pferd langsam umzustellen.
  • Aber die sind doch so scharf?!
Ja, das Potential zur Schärfe ist zweifellos vorhanden. Deswegen gehört ein Kappzaum dieser Art in ruhige, erfahrene Hände. Da man diese nicht von Geburt an hat, holt man sich am besten einen guten Trainer, der mit einem den Umgang mit Geduld und Feingefühl beibringt.
  • Leichte Kappzäume sind pferdefreundlicher
Nein, so einfach ist das leider nicht. Gerade Cavecons sind für junge Pferde nicht zu empfehlen. Ihre dünne Auflagefläche kann den Druck nicht verteilen, wodurch dieser punktuell sehr gross werden kann. 
  • Und die metallfreien Modelle?
Der Kappzaum erlebt sein Revival und ist mittlerweile auch vegan und in Biothane erhältlich. Hier gilt darauf zu achten, dass der Kappzaum nicht rutscht und scheuert, da dies seine Präzision mindert und für das Pferd sehr unangenehm werden kann.
Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass genau dies nicht leicht zu finden ist und bleibe deshalb meinem Modell treu. Dies ist aber, wie vieles, Geschmacksache.

Lehmenkühlers Glücksrad – der LG-Zaum
Das kleine Rädchen war der erste gebisslose Zaum, den ich kennen lernte und er hat mir die Tür zum gebisslosen Reiten geöffnet. Meine stürmische Reitbeteiligung reagierte darauf so toll, dass ich sofort Vertrauen zu dem kleinen Rädchen schloss und es seither immer an meinem Schrank hängen habe.
Durch die Speichen des Rades kann die Einwirkung auf Genick und Nase variiert werden. Gerade bei einem jungen Pferd kam mir ein flexibler Zaum sehr entgegen. Zu Beginn beschränkten wir uns auf die „sanfteste“ Einstellung, die nicht über das Genick einwirkt. Je mehr unser Training fortschritt, desto mehr achtete ich auf Biegung und Stellung und griff dabei sehr gerne auf die Möglichkeit zurück, auf das Genick einwirken zu können. 
Für mich ist der LG-Zaum, neben dem Kappzaum, einer der präzisesten gebisslosen Zäume. Auch wenn ihn dies in den Ruf bringt, „scharf“ zu sein. Schärfe ist für grobe Hände eine grosse Gefahr, sanften Händen bietet sie aber die Möglichkeit zu einer feinen Kommunikation mit dem Pferd.
Aus diesem Grund habe ich meinen LG-Zaum mittlerweile nicht mehr zusätzlich gepolstert, sondern verwende einen schlichten, breiten Nasenriemen aus Leder. 
Zum einen können Lammfell und Plüschschoner das Pferd irritieren, zum anderen gehen mir Gelschoner zu Lasten der Präzision.
Aber auch hier gilt, die besten Erfahrungen sind die Eigenen :) 

Es lohnt sich über den Tellerrand zu blicken und zu erforschen, was man für sich und seinen jungen Hüpfer mitnehmen kann. Wer aufhört, sich zu entwickeln, hat aufgehört, besser zu werden. 
Zu oft höre ich die gängigen gebisslos Argumente von Leuten, die es nie versucht haben.
Dinge bleiben nur unmöglich, solange niemand aufsteht und es einfach macht!

Definiert eure Grenzen selbst, seid voller Neugier, erkundet so viel ihr könnt und gebt euch nur mit dem Besten zufrieden! 

Auch Pferdekult befasste sich mit der Frage Reiten mit oder ohne Gebiss? und plädiert für gegenseitige Toleranz. 
Mehr zu Fakten, Vorurteile und Kritik erfahrt ihr bei Kultreiter


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