Dienstag, 24. Mai 2016

Von Ursachensuche und Symptom-Bekämpfung

Täglich liest man in Facebookgruppen Posts von Pferden, die nicht funktionieren. Die Internetgemeinschaft ist sehr gross und wartet bei Fragen dieser Art mit vielen Lösungsvorschlägen auf. 
Die Schwarmintelligenz als Inspiration zu nutzen und neue Blickwinkel zu entdecken mag sicherlich nicht schaden. 
Was mir jedoch schon lange ein Dorn im Auge ist, ist die Suche nach schnellen Lösungen, nach Rezepten.

Beispiel gefällig?

„Mein Pferd senkt den Kopf beim Longieren nicht, welchen Hilfszügel könnt ihr empfehlen?“
Dass die Antworten von kreativen Ausbinderkombinationen bis hin zu der Hilfszügel-Streitfrage führten, sollte den erfahrenen Gruppengänger bereits klar sein und an dieser Stelle soll es nicht um die Streitfrage Hilfszügel gehen.
Was mich jedoch störte, ist, dass die Ursache der pferdischen Funktionsstörung nicht zum Thema gemacht wurde. Der Schädel muss runter, dann scheint die Welt in Ordnung. 
Die Fragestellung sollte nie sein „mit welchem Hilfszügel nimmt mein Pferd den Schädel aus den Wolken?“ sondern „wieso findet mein Pferd den Weg nach unten nicht?“.
Da ich hauptsächlich in Jungpferdegruppen unterwegs bin, wären hier viele Möglichkeiten denkbar. 
Das Pferd ist noch nicht genügend ausbalanciert. Es ist vielleicht rein körperlich blockiert und kann sich nicht fallen lassen. Oder der Klassiker, der Mensch am anderen Ende der Longe scheint sich nicht deutlich zu formulieren, stört vielleicht sogar.
Egal, ob ich diese Ursache dann mit oder ohne Hilfszügel korrigieren möchte und kann – zuerst steht die Suche nach der Ursache. 
Eine Basisarbeit, die in der modernen, schnellen Welt gerne übersprungen wird. 
Zu gerne werden Symptome bekämpft, geht schliesslich wesentlich schneller. Der Kopf wird, mit welchen Mittelchen auch immer, in Position gebracht. 
Damit hat Mensch sich eine Gnadenfrist geschaffen, das nächste Problem wird nicht lange auf sich warten lassen.

Der gleiche Grundgedanke, anders verpackt ist die Frage nach dem Ausbildungsstil, der Methode. 
Ausgangspunkt ist häufig eine Frage wie dieser: „Mein Pferd dreht mir immer den Hintern zu, was kann ich machen?“
Neben Anweisungen, wie der Mensch sich zu bewegen und wo er das Pferd wie zu berühren hat, entflammt bei solchen Fragen immer die Diskussion um die Trainigsmethode, die Philosophie, das „nach wem arbeitest du?“
Es kann nie schaden, verschiedene Ansätze zu kennen und sich damit auseinanderzusetzten, letzten Endes ist aber keine Methode das Allheilmittel. Mehr zum Thema Ausbildungsmethode erfahrt ihr bei Pferdekult
Nur weil Mensch sich mit namhaften Utensilien und einstudierten Bewegungsabläufen dem Untier Pferd stellt, wird dieses sein Verhalten nicht automatisch ändern. Man ist nun zwar um zwanzig Ansätze reicher, die Ursache des Problems schlummert aber nach wie vor im Dunkeln.
Nur wenn man herausgefunden hat, worin das Verhalten gründet kann man sich auf die Suche nach der Methode machen, die dem Pferd am meisten bringt. Und auch hier kann es sein, dass beim nächsten Problem oder Pferd eine ganz andere Methode die Richtige ist.

Jean-Claude Dysli hat dies sehr passend formuliert – wir reiten Pferde, keinen Stil.

Um uns nachhaltig zu entwickeln und eine gesunde Basis für unser Leben mit Pferd zu schaffen, müssen wir uns die Mühe machen und auf Ursachensuche gehen. Zum einen lernen wir so, unser Pferd besser zu verstehen und ein Auge für das Grosse-Ganze zu bekommen. Zum anderen ist reine Ursachenbekämpfung zwar schneller, aber nicht von Dauer. Das Problem wird nie wirklich gelöst. Es wird geschmückt, dekoriert und davon abgelenkt, bis es eines Tages wieder zu Tage bricht oder sich ungesehen ausbreitet. 

Das Verhalten eines Pferdes ist nie grundlos. Und der Grund für seine „Fehler“ sind wir. Weil wir als Reiter oder Ausbilder die Verantwortung tragen. Wir sind in der Pflicht das körperliche Wohl des Tieres zu gewährleisten, Instrumente zu wählen, die das Pferd in seiner Entwicklung unterstützen, seine Reaktionen ehrlich zu hören und freundlich und fair zu antworten. 
Nur zu oft ist unsere Schuld viel unmittelbarer. Wir haben schlecht kommuniziert. Unsere Körpersprache war missverständlich, unsere Signale nicht richtig gewählt. 
Erkennt man dies nicht und beschäftigt sich statt dessen mit den Symptomen, die das Pferd zeigt, werden wir uns nie verbessern. Und auch das Pferd wird keine Fortschritte machen können, weil wir es zurückhalten.

Wenn wir uns das nächste Mal hilfesuchend an das World Wide Web wenden, dann sollten wir das in der Absicht tun, Tipps zu finden, um die Ursache des Problems aufzuspüren. 
Gut gemeinte Ratschläge sollten wir als Hilfestellung sehen. Wenn jemand eine Methode vorschlägt, sollten wir uns Gedanken machen, wodurch diese sich von unserem Weg unterscheidet und ob dieser Unterschied entscheidend für das pferdige Verständnis sein kann. 

Wenn wir das nächste Mal unsere Methode oder unser Verfahren empfehlen, sollten wir erklären, was dahinter steckt. Was unsere Wahl ausmachte und wie diese unserem Pferd  geholfen hat. Wir sollten nicht einfach für unseren Weg plädieren, sondern ihn beschreiben. Damit es anderen möglich ist, daraus zu lernen. Und wir sollten offen von unseren Fehlern berichten und davon, was wir daraus gelernt haben.


Wenn wir uns das nächste Mal auf die Suche machen, dann sollten wir nicht nach Lösungen, sondern nach Ursachen suchen.

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