Donnerstag, 23. Juni 2016

Sicherheit beim Reiten – Teil 1: Unfallschutz

Jedes mal, wenn ich von einem Reitunfall höre oder lese, macht mir das schmerzlich bewusst, dass meine Leidenschaft auch eine Schattenseite hat. Bei all der Freude, die einem auf dem Pferderücken geschenkt wird, bleibt doch immer ein Risiko.

Doch was können wir Reiter tun, um dies so gering wie möglich zu halten?

Unfallschutz
Zum einen können wir uns im Falle eines Falles bestmöglich vor Verletzungen schützen. Man denkt dabei sofort an den Helm, eventuell an einen Rückenprotektor. 
Dinge, die Verletzungen so gering wie möglich halten sollen und im Ernstfall Leben retten können. 

Unfallprävention
Genauso, wie es Mittel und Wege gibt, sich bei einem Unfall zu schützen, besteht auch die Möglichkeit, sich vor einem solchen zu schützen. Ein wichtiger Punkt spielt dabei die Ausbildung von Ross und Reiter.


Werfen wir einen genaueren Blick auf den Unfallschutz. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, sich vor Verletzungen zu schützen. Es liegt an uns selbst, die Fülle der Angebote zu nutzen.


Der Reithelm

Der Helm ist der Klassiker, wenn es um den Unfallschutz geht.
Um in den Laden zu gelangen muss ein Helm die europäische Richtlinie EN 1384 erfüllen.  Dafür muss er verschiedenen Stossdämpfung- und Steifigkeitstest standhalten. Derzeit wird die Norm für Reithelme überarbeitet und bis die neue Version amtlich ist, gilt die Übergangsverordnung "VG1 01.040 2014-12" . Wer sicher gehen möchte, sollte beim Kauf auf das CE Prüfzeichen achten. Helme ohne dieses „Verwaltungszeichen“ dürfen in der europäischen Union nicht in den Handel gebracht werden.

Bei der Wahl des richtigen Helms gilt „Probieren geht über studieren“. 
Dabei hat man die Wahl zwischen zwei Helm-Varianten. Der Klassischen oder jener, die sich über ein Rädchen verstellen lässt. 
Wichtig ist, dass der Helm gut sitzt. Das überprüft man am besten mit geöffnetem Kinnverschluss, in dem man den Helm aufsetzt und den Kopf leicht schüttelt, oder ihn mit den Händen links und rechts zu drehen versucht. Auch auf die Lüftung sollte man, insbesondere bei warmen Tagen achten.
Bei allen Helmen gilt: ab einem harten Schlag ist der Schutz nicht mehr vollumfänglich gewährleistet. Mikrorisse schädigen das Material, auch wenn sie von aussen nicht sichtbar sind. Doch auch die Zeit setzt dem Material zu. Weshalb ein sehr alter, aber sturzfreier Helm ebenfalls nicht mehr ausreichend Schutz bietet.


Rückenschutz / Sicherheitsweste

In der Vielseitigkeit sind Sicherheitswesten mittlerweile Pflicht. Sie können uns vor Rippenbrüchen und Wirbelsäulenverletzungen bewahren. 
Sicherheitswesten gibt es in vielen Varianten, gegliedert in drei Schutzklassen, wobei Stufe 3 den grössten Schutz bietet. Für die Damenwelt gibt es spezielle Ausführungen, die auch einer grossen Oberweite Platz bieten. Je nach Modell lassen sich zudem Schulterprotektoren anbringen. Die meisten Westen verfügen über Klettbänder zur Feinregulierung der Passgenauigkeit.

Neben der klassischen Sicherheitsweste gibt es noch die Rückenprotektoren.
Je nach Modell und Hersteller können sie im Brustbereich über ein feines Netz mit Reissverschluss geschlossen werden, oder verfügen nur über Träger, die um die Schulter/ Oberarm geführt werden.
Ein einfacher Protektor schützt zwar die Wirbelsäule, aber nicht den Brustbereich. Im Gegenzug ist er jedoch leichter als die herkömmlichen Sicherheitswesten. Rückenprotektoren sind in zwei Sicherheitsklassen erhältlich, aber nicht für Geländeprüfungen zugelassen. 

Des Weiteren gibt es noch die Airbagwesten, welche durch eine Patrone ein Kissen aufblasen, ähnlich zu den Airbags, die wir aus dem Auto kennen.
Dazu muss der Reiter zu Beginn eine Sicherheitsschnur am Sattel anbringen. Da die Airbagweste sogar an den Hüften und im Nacken Luftpolster besitzt, bietet sie den vollumfänglichsten Schutz.

Detaillierte Infos zur Sicherheitsweste gibt es bei Kultreiter.
Einen Produkttest findet ihr hier


Sicherheitssteigbügel

Sicherheitssteigbügel haben die besondere Eigenschaft, den Fuss im Falle eines Sturzes sofort freizugeben. Das soll verhindern, dass der Reiter im Bügel hängen bleibt und mitgeschleift wird.
Die Varianten sind vielseitig. 
Es gibt Bügel mit Gummi-Gelenken, bei denen der Steg über ein Gelenk mit dem restlichen Bügel verbunden ist. Das Gelenk liegt unter einem schwarzen Gummi versteckt. Im Ernstfall soll der Bügel an dieser Stelle umklappen, um so den Fuss frei zu geben. 

Eine andere Version sind Bügel, bei denen die äussere Seite ein Gummiband ist. Ein kräftiger Stoss gegen den Gummi lässt es aufspringen und befreit den Fuss.

Neben den herkömmlichen Sicherheitsbügeln gibt es noch die Island-Steigbügel. Sie gelten offiziell nicht als Sicherheitsbügel, ihre spezielle Form sorgt jedoch dafür, dass der Fuss sich leicht aus dem Bügel befreien kann. Die Innenseite der Bügel ist nach hinten und die Aussenseite nach vorne geschwungen. 
Bei Islandsteigbügel ist darauf zu achten, die Bügel korrekt anzubringen. Ein weiterer Vorteil liegt darin, dass man die Bügel sofort wiederaufnehmen kann, sollte man sie einmal verlieren, da sie sich nicht drehen.


Das „Häkchen" am Sattel

Links: offene Aufhängung
Rechts: fix geschlossene Aufhängung
Die meisten klassischen Sättel besitzen an der Steigbügelaufhängung ein bewegliches „Häkchen“ oder auch Sturzfeder, welche aufklappen soll, wenn der Riemen nach hinten zieht. Ziel ist es wieder, ein Mitschleifen zu verhindern. Man sollte darauf achten, dass sie Feder im Laufe der Zeit nicht verklemmt und sich im Ernstfall auch tatsächlich öffnet.
Gerade im tieferen Preissegment finden sich auch Sättel, die eine offene Steigbügelaufhängung besitzen. Kritische Stimmen besagen, dass die Riemen hier gerne versehentlich raus rutschen. Ich kann nur für mich sprechen, mir ist das bisher nie passiert.
Einige Sättel haben eine U-förmige, geschlossene Aufhängung. Dies war auch bei meinem alten Sattel der Fall, weshalb ich grossen Wert auf Sicherheitssteigbügel legte.
Ein Blick unter das Sattelblatt lohnt sich also.


SOS-Armbänder / Notfallkontakte

Sollten alle Stricke reissen, sollte man den Helfern so viele Informationen wie möglich bereitstellen. Häufig haben Reiter keinen Personalausweis bei sich. Hier können Notfall-Armbänder mit medizinischen Daten oder Kontaktpersonen sehr hilfreich sein. Ersthelfer und Notdienst erfahren wichtige Informationen schnell einsehen, wen sie im Ernstfall kontaktieren müssen und was es medizinisch zu beachten gibt. Gerade bei Medikamentenunverträglichkeit, Allergien oder Krankheiten sind diese Informationen sehr wichtig.

Die meisten Handys verfügen über eine Notfallfunktion, die ohne Code oder Entsperren aufgerufen werden kann. Hier können medizinische Infos wie Blutgruppe oder Allergien hinterlegt werden und auch die Notfallkontakte sind gleich griffbereit. 

Ich habe zudem eine Marke von Soulhorse mit meiner Telefonnummer am Sattel angebracht. Für den Fall, dass mein Pferd nicht bei mir bleibt. So kann schnell ausfindig gemacht werden, wo mein Vierbeiner hingehört.


Erste Hilfe

Wie die Zeit direkt nach dem Unfall verläuft, hängt sehr von den anwesenden Personen ab. Die erste Hilfe ist somit sehr wichtig.  Einen Überblick über die wichtigsten Massnahmen erhaltet ihr bei Herzenspferd.


Das alles sind Hilfsmittel, die uns im Falle des Falles vor grösseren Verletzungen bewahren sollen. Sich vor einem Unfall zu schützen, heisst nicht, seinem Pferd nicht zu vertrauen. Wie schnell es selbst mit dem zuverlässigsten Pferd zum Ernstfall kommen kann, zeigt uns die Erfahrung von Klaudia von Two Toned.

Klaudia Schönberger -
Bloggerin bei Two Toned
Am 1. November 2005 wollte ich nachmittags einen kleinen Ausritt mit meiner Stute machen. Mein Pferd war im Gelände schon sehr brav und auch sonst gut ausgebildet und wirklich immer in allen Situationen ein Verlasspferd. Wir ritten vom Hof weg und ich wollte mir gerade die Jacke zumachen, als wir zwischen 2 Koppeln durch mussten, die eingezäunt waren. Was ich nicht gesehen habe, war das Stromkabel am Boden, das den Strom zur Koppel auf der linken Seite brachte. Das hatte anscheinend eine Fehlleitung und mein Pony bekam einen Stromschlag, erschrak und machte einen Satz nach vorne. Ich war nicht gefasst (weil mit Jacke beschäftigt) und fiel hinten runter. Das wäre eigentlich noch nicht so schlimm gewesen, aber durch den Schreck, dass ich unten lag, machte mein Pferd noch einmal einen Satz nach vorne und ich blieb im Steigbügel hängen und konnte mich erst nach einigen Metern befreien. Wie immer hatte ich auch damals einen Reithelm auf und der hat mir in dieser Situation das Leben gerettet. Hätte ich auch damals schon Sicherheitssteigbügel benutzt, dann wäre mein Unfall nicht so schlimm ausgegangen. Ich kam mit einer Wirbelsäulenverletzung davon, die operiert werden konnte und ich habe keine bleibenden Schäden, ich hatte aber auch einfach großes Glück. Andere sitzen mit der Art der Verletzung im Rollstuhl. 

Das Sicherheitsschnäppchen am Sattel ging bei mir nicht auf, darauf sollte man sich einfach nicht verlassen! Deswegen verwende ich seit dem Unfall nur noch Sicherheitssteigbügel die vorne zu sind. Ich habe ein billigeres Paar vom Krämer und ein Paar Distanzreit-Steigbügel für längere Ritte. Ich durfte nach meinem Unfall ein Jahr nicht reiten und habe anfangs auch immer eine Sicherheitsweste benutzt, weil ich Angst hatte. Für mich war alles ungewohnt, es war mein erster Sturz, bei dem ich mich verletzte und ich war einfach total ängstlich geworden, weil ich nicht verstand, warum mir das passiert ist. Zum damaligen Reitpunkt auch keine schlechte Reiterin! Es gibt Situationen, wo einfach alles schief geht und Pferde unvorhersehbar reagieren.  
Ich kaufe alle 2 Jahre einen neuen Helm (Mein Lieblingsmodel ist der Casco Mistrall) - Springen oder wenn ich mehr Tempo reite mache ich immer mit Weste und ich bestehe auf meine Sicherheitssteigbügel. 
Wichtig nach einem schweren Sturz vom Pferd: lasst euch ins Krankenhaus bringen und durch checken! Ich bin noch selber ins Krankenhaus gefahren und hätte das eigentlich nicht machen sollen. Nachdem ich gehen konnte, dachte ich nicht, dass ich so schwer verletzt bin. Die Schmerzen kamen auch erst, als der erste Schock vorbei war.



Das Angebot an Schutzutensilien für den Reitsport ist riesig. Was einem sinnvoll erscheint und womit man sich wohl fühlt, muss jeder individuell entscheiden.  Im Zweifelsfalle greift man lieber einmal zu viel zu Weste und Helm – sich und seinen Angehörigen zuliebe.

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