Montag, 6. Juni 2016

Wo Vertrauen beginnt, begegnen wir uns selbst

Jeder wünscht sich das Vertrauen seines Tieres. Doch was muss man tun, um dieses Privileg geniessen zu dürfen?

Um jemandem vertrauen zu können, müssen wir ihn kennen. Also beginnt das Vertrauen unseres Pferdes bei uns selbst. Indem wir uns die Maske vom Gesicht reissen und dem Pferd als derjenige begegnen, der wir wirklich sind – und das ist häufig schon der schwerste Schritt.
Ein jeder hat ein Bild davon, wie er sein möchte. Um dieses Ideal zu erreichen, spielen wir uns zu gern selbst etwas vor. Das passiert nicht in böser Absicht und auch nicht immer willentlich. 
Pferde durchschauen unser Theater, demaskieren uns und erkennen sofort unseren wahrhaftigen Kern. 
Um eine vertrauensvolle Beziehung mit unserem Pferd zu führen, müssen wir uns als uns selbst akzeptieren. Unsere Fehler eingestehen und unsere Stärken erkennen. Nur, wenn wir uns unserer eigenen Fähigkeiten bewusst sind, können wir darauf vertrauen und nur dann kann das auch unser Pferd.

Sind wir bereit uns auf diese Erfahrung einzulassen, kann eine ganz intime Nähe zu unserem Pferd entstehen. Eine Nähe, die vielleicht nicht immer leicht für uns sein wird, die aber gleichzeitig ein Geschenk ist. Wir lernen, zu erkennen, wer wir wirklich sind. Unsere Pferde schenken uns den Weg zur Selbsterkenntnis.

Vertrauen ist der Weg, nicht das Ziel.

Man sollte das Vertrauen des Pferdes dabei nicht als Ziel sehen, das es möglichst schnell zu erreichen gilt. Vielmehr ist Vertrauen eine Philosophie, die eure Arbeit und den Umgang mit eurem Pferd ständig begleiten sollte.
Alles, was ihr tut, kann das Vertrauen zwischen euch und eurem Pferd beeinflussen. 
Es ist also wichtig, dass euer Verhalten konsistent und konsequent ist. Euer Pferd muss darauf vertrauen können, dass ihr es nicht aus einer Laune heraus ungerecht behandelt oder emotionsgeladen (ab-)reagiert. 
Um dem Pferd diese Konsistenz bieten zu können, ist es wiederum wichtig, sich selbst gut zu kennen und seine innere Mitte gefunden zu haben. Ein Mensch, der mit sich selbst im Reinen ist und sich selbst mag, besitzt sogleich eine ganz andere Ausstrahlung. 
Ein Mensch, der seine eigenen Fehler akzeptiert hat, kann auch mit den Fehlern anderer verständnisvoll umgehen.
Das Vertrauen eures Pferdes beginnt also bei euch selbst. Akzeptiert eure Schwächen und vertraut auf eure Stärken.

Vertrauen wächst

Gerne wird nach Übungen gefragt, die dabei helfen, das Vertrauen zwischen Mensch und Pferd zu stärken. Generell ist jeder Umgang mit dem Pferd vertrauensbildend, wenn man denn korrekt mit dem Pferd umgeht. 
Wir konzentrieren uns mal wieder auf die Jungpferde.
Der ersehnte Tag ist da und Hotti ist endlich bei uns eingezogen. Die meisten können es kaum erwarten das Projekt „Dreamteam“ in Angriff zu nehmen und scheuen keine Mühen, um sich das Vertrauen des Vierbeiners zu sichern. 
Dafür braucht es nicht einmal den modernsten Hindernissparcours und fantasievolles Schrecktraining. Es genügt für den Anfang schon, für den anderen da zu sein. Gemeinsam die Zeit zu verbringen und sich entspannt kennen zu lernen. Schnell entdeckt man die ersten Stärken des Gegenüber. Lernt seine Eigenarten kennen und wird einander gewahr. 
Zu Beginn sass ich lange auf der Weide und habe gewartet, bis Penny den Kontakt suchte. Ich entdeckte, dass mein Pony unglaublich neugierig ist, was wir uns häufig zum Vorteil machen. Gleichzeitig merkte ich, dass sie vor lauter Neugier manchmal etwas naiv ist und Warnungen gerne in den Wind schlägt. Penny merkte, der Zweibeiner ist für mich da. Sei es, wenn eine Stelle scheusslich juckte, oder wenn die Fliegenhaube schief hing.
Nachdem wir uns im sicheren Umfeld der Herde kennengelernt hatten, ging es mit kleinen Spaziergängen weiter. Mit jedem Schreckgespenst, das wir gemeinsam in die Flucht trieben wuchs das gegenseitige Vertrauen. Ich konnte mich darauf verlassen, dass mein Pony mich nicht stehen lies und die Flucht suchte. Penny lernte, dass ich vor den Gespenstern keine Angst hatte.
Natürlich gab es auch bei uns klassisches Schrecktraining mit Gruselplane und Regenschirm. Weniger um so das Vertrauen meines Pferdes zu gewinnen, als um seine Stärken, Schwächen und Reaktionen besser kennenzulernen. Was zugleich auch unser Vertrauen festigte.

Ihr seht, Vertrauen ist ein langer Weg, den man ständig gemeinsam beschreitet. Ihr solltet nicht zu früh zu Viel verlangen und nicht enttäuscht sein, wenn euer Pferd seine Vorbehalte nicht sofort über Bord wirft.

Vertrauen bedeutet nicht, dass das Pferd nicht NEIN sagen darf.

Mit der Zeit werdet ihr spüren, dass eure Beziehung inniger wird.
Dabei bedeutet ein Nein oder Zurückhaltung eures Pferdes nicht, dass es euch nicht vertraut. Es ist kein Grund enttäuscht zu sein, wenn euer Partner bei einem Schrecktraining-Hindernis innehält und euch nicht sofort folgt. Das gleiche gilt bei Geisterecken auf Spaziergängen. Euer Pferd bescheinigt euch damit nicht automatisch sein Misstrauen. Es ist sein gutes Recht, Zweifel mitzuteilen. Eure Aufgabe ist es dann, eurem Pferd beizustehen und es durch diese Situation zu begleiten. Denn auch dies stärkt das gegenseitige Vertrauen. Ihr seid für euer Pferd da. Nehmt euch seiner Ängste und Einwände an und findet einen gemeinsamen Weg.

Fassen wir kurz zusammen.

Vertrauen bilden, Vertrauen bewahren:
  • erlaubt euch, euch selbst zu sein
  • akzeptiert eure Schwächen und seid stolz auf eure Stärken
  • erkennt die Chancen, die in euren Stärken liegen
  • akzeptiert auch die Stärken und Schwächen eures Pferdes
  • verdeutlicht euch eure Stärken und lernt, aus den gemeinsamen Stärken neue Kraft zu schöpfen. Dabei können auch die gängigen Übungen wie Bodenarbeit beitragen
  • habt Geduld! Vertrauen entwickelt sich mit jeder Geste und jedem Moment


Und plötzlich ist es da!

Ich habe mich anfänglich bewusst zurückgehalten und wollte Penny zu nichts drängen. Gerne habe ich vertrauensvolle Gesten angenommen, aber in den ersten Monaten habe ich nichts erwartet. Immerhin war der tägliche Kontakt mit Menschen etwas komplett Neues für meine Kleine.
Da ich so früh kaum gewagt habe an vollstes Vertrauen meines Pferdes zu denken, habe ich es beinahe übersehen und erst im Nachhinein erkannt, was mein Pferd mir da geschenkt hat.
Penny war erst kurze Zeit bei uns, als wir einen kleinen Spaziergang an den Rhein gemacht haben. Ich wollte ihr das Wasser erst einmal zeigen und wir hatten auch ein zweites Pferd zur Verstärkung dabei. Es war so schrecklich heiss und das kühle Nass leuchtete verlockend. Ohne gross darüber nachzudenken wagte ich den Versuch. Zuerst war Penny entsetzt von der Idee in die fliessenden Wassermassen zu steigen. Sie stand am Ufer und sah mich an. Und dann nahm sie sich ein Herz und lief mir langsam entgegen. Schritt für Schritt und immer in meiner Nähe liefen wir tiefer ins Wasser.
Erst zuhause realisierte ich, das mein Pferd mir ins Wasser gefolgt war, obwohl es ihr der Gedanke zuerst sichtlich unwohl war.
Das Penny sich überwindet und nach so kurzer Zeit genug Halt bei mir findet, um ihre Angst zu überwinden kam für mich völlig überraschend. Vielleicht war es auch gerade diese Unbekümmertheit, meine Ruhe und die Abstinenz jeglicher Erwartungen, die Penny bewog, mir zu vertrauen. 


Häufig zeigt sich das Vertrauen im Kleinen. Es braucht kein grosses Kino. Vertrauen ist eine kleine Geste zwischen zwei Seelen. Wir dürfen nicht vergessen hinzusehen und diese kleinen Momente zu geniessen.


Das Leben mit Pferd bietet uns die Möglichkeit, uns selbst zu finden und zu erkennen, wer wir sind. Pferde zeigen uns unsere Schwächen, aber auch unsere Stärken. Wir können lernen uns selbst zu vertrauen und zum Vertrauten zu werden.

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