Mittwoch, 7. September 2016

Begriffs-Bullshit: Flegelphase

Pferdemenschen leben in ihrer eigenen Welt und sie haben ihr ganz eigenes Vokabular. Manche Vokabeln sind mehr als sinnvoll, andere…nun ja… eher weniger.
Vorab: Der folgende Text kann Spuren von Zynismus und eine Priese Sarkasmus enthalten.

 Man kann nicht in einer Jungpferdegruppe sein, ohne früher oder später (meist eher früher) über diesen Begriff zu stolpern. Nein, eher mit Anlaufe darüber zu fallen und sich die Knie aufzuschlagen. Mich zumindest lässt dieser Begriff nicht einfach nur taumeln, er verpasst mir einen Faustschlag direkt ins Gesicht.
Gebrauch findet dieser scheussliche Begriff dann, wenn das heranwachsende Pferd plötzlich sein Verhalten ändert und eine Reaktion zeigt, welche nicht unseren Vorstellungen entspricht. Beispielsweise, wenn Hotti den Huf nicht mehr so gerne geben mag.
Nachdem der Grund für diese Befehlsverweigerung für die Zweibeiner nicht immer offensichtlich ist, ist schnell klar: „Der steckt in der Flegelphase, der testet!“
Nicht selten ist diese Aussage von dem Rat gefolgt, sich energisch durchzusetzen und dieses Verhalten nicht durchgehen zu lassen, da Nachlässigkeit die völlige Entgleisung zur Folge hätte.
Kurz: Das Pferd pubertiert. Kennen wir doch alle. Von uns selbst, Bekannten oder dem eigenen Nachwuchs.
Die Bibel der deutschen Rechtschreibung kennt zwar keine Flegelphase, aber das Flegelalter und definiert wir folgt:
„Lebensabschnitt, in dem junge Menschen zu flegelhaftem Benehmen neigen“
Jetzt bleibt nur noch die Frage, was „flegelhaft“ denn genau heissen soll, auch das erklärt besagtes Nachschlagewerk:
„sehr ungezogen, rüde, frech, ungeschliffen…“
Spätestens jetzt sollte die pferdische Begriffsverirrung deutlich sein.
Das Flegelalter ist ein Lebensabschnitt junger MENSCHEN. Ein Begriff, der für ein Tier also gänzlich ungeeignet ist. Denn ein Pferd ist kein Mensch. Wissen wir auch alle.
Wie der Mensch auch, kann ein Pferd unerzogen und frech sein. Wie beim Menschen auch, ist das den Erziehungsverantwortlichen zu verdanken. Eine Pubertät, wie wir sie von frechen Teenies mit Pickel und Zahnspange kennen, durchleben unsere Pferde in dem Alter, welches gerne Flegelphase genannt wird, nicht. War das Pferd vor zwei Tagen noch gut erzogen und folgsam, wird es seine Kinderstube nicht plötzlich in den Misthaufen donnern und den lieben langen Tag darüber nachdenken, wie es seinem Menschen heute auf die Füsse stehen kann. Trotz ist nämlich auch eine menschliche Empfindung. Und Tiere zu vermenschlichen, kam noch nie gut.
Was ist also Grund, des Kooperationsmangels seitens Pferd? Denn einen Grund gibt es immer.
Nun rudert die Trulla zurück und muss zugeben, ganz abwegig war der Gedanke an die Pubertät nicht. Denn unser Pferd steckt gerade mitten in seiner Entwicklung. Es wächst. Wer als Jugendlicher an Wachstumsschmerzen litt, mag nun vielleicht an diese unliebsame Erinnerung zurückdenken. Wem diese Erfahrung erspart geblieben ist, der mag den Sportunterricht aus der Verdrängung hervorholen und an all die Körperkasper denken, die noch nicht wussten, wo sie anfangen und aufhören. Ähnlich ergeht es unserem Pferd, auf vier Beinen. Es zieht, zwickt und schwankt. Gleichgewicht und Balance ade. Obendrauf kommt ein Punkt, an den wir uns nur noch sehr verblasst erinnern können. Der Zahnwechsel. Unsere Pferde erleben nämlich das volle Programm auf einmal.
Es ist also durchaus wahrscheinlich, dass unser Pö WILL aber nicht KANN.
Wir kennen es aus dem Sportunterricht. Wer keinen Handstand kann, der kann es noch weniger, wenn ein schreiender Sportlehrer einen vor der ganzen Klasse zur Sau macht.
Dem Tier böse Gedanken oder Arbeitsverweigerung zu unterstellen, nur weil wir nicht in der Lage sind sein Verhalten auf den ersten Blick an Gründen festmachen zu können, zeugt nicht Reife auf unserer Seite. Denn auch in Reiterkreisen hat es sich schon rumgesprochen, dass das Problem stets auf 2 Beinen unterwegs ist.

„Wenn dein Pferd einen Fehler macht, so suche die Ursache bei dir.
Und solltest du sie nicht finden, dann suche gründlicher.“ – Egon von Neindorff

Neben Gleichgewichtsschwierigkeiten und Wachstum können auch gesundheitliche Probleme die Ursache sein. Sollte euer Jungspund euch das nächste Mal mit unerklärlichem Verhalten konfrontieren, schaut einmal genauer hin und wertet es nicht als Angriff.
Der beste Weg zu einer guten Partnerschaft ist stets der Weg mit und nicht gegen das Pferd.

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