Dienstag, 27. September 2016

(K)ein Pferd ist zum reiten da

Und da lese ich es schon wieder: „Für was hat man denn ein Pferd, wenn nicht zum reiten?“ Gefolgt von einem „Aber Reiten ist doch nix Böses.“ Und schon befinde ich mich in einer dieser Diskussionen, bei denen es kein Richtig oder Falsch geben kann.

Die meisten von uns kommen mit Pferden und dem Reiten zeitgleich in Berührung. Liegt auch daran, dass gerade Kinder, die von den Zossen begeistert sind, ihre erste Anlaufstelle in der Reitschule finden. Pferd und Reiten scheint untrennbar miteinander verbunden zu sein.
Die Faszination Pferd umfasst häufig auch den Wunsch, sich ihrer Kraft zu bedienen und auf ihrem Rücken Platz nehmen zu dürfen. Reiten, als eine Ausdrucksform, als Kunst um dieses fantastische Wesen zu präsentieren. Dieses Bedürfnis zieht sich durch die Geschichte und prägte die Reitkunst.

Und dann kam die Zeit, in der das Reiten zweckmässig und das Pferd zum Mittel wurde – der Krieg. Das Pferd, seine Grösse, seine Kraft hatten nun einen rein praktischen Nutzen. Reiten war nicht länger Kunst und Ausdrucksform. Die „Kriegsmaschine“ Pferd musste einfach zu bedienen sein. Die Ausbildung von Ross und Reiter durfte nicht zu viel Zeit in Anspruch nehmen, dennoch sollte das Pferd möglichst lange gesund erhalten bleiben.

Zum Glück folgten bald friedliche Zeiten. Die Geschicklichkeit von Pferd und Reiter entschied sich nicht länger auf dem Schlachtfeld, sondern bei sportlichen Wettkämpfen. Und hier treffen selbst Nicht-Pferdemenschen auf die Zossen. Reiten ist Sport, sogar olympisch. Um Reiten zu können, braucht man ein Pferd. Das eine gehört zum anderen.
Wie eng diese Verbindung auch heute noch ist, sieht man auch daran, dass man häufig auch „Reiter“ und seltener auf „Pferdebesitzer“ trifft.
Pardon, ich bin etwas abgeschweift. Aber merken wir uns die, meist frühkindliche, Verknüpfung von Pferd und Reiten.

Und nun kommt da ein kleines Mädchen, dass trotz Prägung durch Reitschule, Turniere und Sportevents rotzfrech behauptet: „Ich habe mein Pferd nicht zum Reiten.“

Ich würde sagen, der Fall liegt irgendwo zwischen Selbstfindungstripp und Selbsttäuschung und leitet mich gleich zur zweiten Frage oder Feststellung weiter: „Aber Reiten ist doch nichts Böses.“

An dieser Stellung gebe ich Entwarnung. Ich bin nicht Peta und Reiten macht mir sogar Spass. Mein Dachschaden bewegt sich also im grünen Bereich. Und ja, auch ich möchte mein Pferd reiten. Reiten ist für mich eine Ausdrucksform für mich und mein Pferd. Man könnte es sogar Tanz nennen. Es ist ein Mittel, mein Pferd nach seinen Möglichkeiten zu präsentieren. Reiten kann sogar einen gymnastizierenden Effekt haben und kann somit ein Stück weit auch für das Pferd da sein – kann. Schlechtes Reiten, egal wie und nach welchen Stil, bleibt schlecht. Dazu wäre jede Zeile verschwendet.

Wenn Reiten also nichts böses ist, wie komm ich dann zu dieser unverschämten Aussage?

Naja, die Antwort habe ich eigentlich schon geliefert. Ihr erinnert euch? Reiten ist für mich eine Ausdrucksform für mich und mein Pferd. 
Von all den Dingen, die mein Pferd mir geben kann, ist Reiten eines. Mein Pferd gibt mir aber noch so viel mehr, dass dieser Punkt für mich mehr und mehr in den Hintergrund geraten ist.

In erster Linie macht mein Pferd mich glücklich. Dafür muss es eigentlich gar nichts tun. Ich bin einfach froh, dass es da ist. Noch glücklicher bin ich, wenn es von meinem Fuss runtergeht. Unwahrscheinlich glücklich bin ich, wenn mein Pferd mir abends von der Weide entgegenläuft und mein Tag mit einem Lächeln endet.
Die Arbeit mit meinem Pferd erfüllt mich. Sei es an der Hand, frei oder aus dem Sattel. 
Ich habe ein Pferd, weil mich die pure Tatsache, einen solchen Partner an meiner Seite zu haben erfüllt, glücklich macht, mir den Tag verschönert – einfach nur, weil mein Pferd da ist.

Das Reiten ist eine Form der Begegnung mit meinem Pferd. Sicherlich eine sehr faszinierende Weise zu kommunizieren. 
Das Reiten selbst war nie der Beweggrund, mir einen vierbeinigen Partner zu suchen. Hätte ich mich nach dem Reiten gesehnt, wäre ich Reitbeteiligung geblieben.

Mein Pferd ist mein Luxus und gleichzeitig meine Luft zum Leben. Ich habe ein Pferd, weil  es mich nach seiner puren Existenz als meinen Partner sehnt. 

Mein Pferd ist da, weil es mich leben lässt.


Kommentare:

  1. Wunderschön geschrieben! Es spricht mir aus der Seele. Wie oft höre ich mit meinem unreitbar en Pferd, welchen nutzen ich von ihr habe... Sie macht mich glücklich! Ich lerne Selbstbewusstsein und strenge, liebevolle Erziehung. Ich genieße die Stunden mit ihr als kleinen Urlaub zum durchatmen... Die einzige zeit in welcher ich nicht an die Arbeit denke. :)

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    1. Vielen lieben Dank. Glück ist ein sehr wertvolles Gut und doch auch ein wesentlicher "Nutzen". Wenn uns etwas durch seine blosse Anwesenheit ein Lächeln auf die Lippen zaubern und den Alltag vergessen lassen kann, dann muss das doch etwas ganz Besonderes sein <3

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    2. Ist Wendy jetzt auf einem Eso-Philo-Trip? Ich konnte leider nur einen Drittel des Textes lesen, bevor mich die akute Unerträglichkeit überkam.

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    3. Liebe xyzzyx
      Da ich nicht weiss, bis wo du durchgehalten hast, kann ich dir leider schlecht eine Antwort geben. Aber danke für deinen Versuch. ;)
      Manchmal hilft es, Dinge bis zum Ende zu lesen oder einfach zu schmunzeln.
      Die Menschheit ist vielseitig und so sind es auch unsere Ansichten. Sonst wäre es auch ganz schön langweilig.

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  2. Toll geschrieben - und den Nagel auf den Punkt getroffen. ;-) Man hört es auch oft, wenn man sein altes Pferd noch "behält" und sich nach wie vor ganz selbstverständlich darum kümmert und zwar genauso als könne man es noch reiten. Aber wir lassen uns von solchen Kommentaren nicht unterkriegen! Wie du sagst. ;-) Pferde sind nicht (nur) zum Reiten da. :p

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