Montag, 26. September 2016

Sicherheit beim Reiten – Teil 2: Unfallprävention

Reitunfälle sind die traurige Schattenseite unserer Leidenschaft. Wie man sich im Ernstfall schützen kann, konntet ihr in Teil 1 lesen. 
Doch was kann man tun, damit es gar nicht erst zum Ernstfall kommt?

Eine wesentliche Rolle spielt die Beziehung zum Pferd und der gegenseitige Umgang, aber auch die Beziehung zu sich selbst und das Wissen um die persönlichen Grenzen hat Auswirkungen auf unsere Sicherheit. Nicht zuletzt bleibt das Umfeld, indem wir uns als Reiter bewegen und in welchem es gewisse Verhaltensregeln zu beachten gilt.


Faktor Pferd

Als erstes sollten wir uns bewusst sein, dass unser Partner ein Fluchttier ist. Es wird von natürlichen Instinkten geleitet und reagiert immer ehrlich. Haben wir das verinnerlicht, ist schon viel gewonnen. Denn mit diesem Wissen können wir das Verhalten unseres Pferdes verstehen und unsere Anfragen verständlich formulieren. Zum einen wissen wir so, in welchen Situationen unser Pferd unsicher oder ängstlich wird, zum anderen wissen wir dann aber auch, wie wir unser Pferd in diesen Momenten anleiten können.
Auch hier müssen wir wieder auf Ursachensuche gehen. Nur wenn wir erkennen, woher die Reaktion des Pferdes kommt, können wir gezielt dort ansetzen und gefährlichen Situationen vorbeugen. Gleichzeitig stärkt diese Ursachensuche unsere Beziehung und das Verständnis für unser Pferd. 
Natürlich kann sich ein Pferd auch dann noch erschrecken. Ich weiss jedoch, welche Situationen und Reize der Auslöser sind, und wir ich meinem Pferd in solchen Situationen vermittle.

Arbeite ich nur an den Symptomen und nicht an den Ursachen, gewöhne ich meinem Pferd zwar gewisse Verhaltensmuster ab. Da die Quelle aber nicht nachhaltig berücksichtigt wurde, kann das Verhalten in Stresssituationen, teilweise sehr heftig, wieder hervorkommen. Man wägt sich also in scheinbarer Sicherheit.
Man ist gerne versucht, das Symptom zu behandeln. Symptome sind schnell gefunden, wohingegen die Ursachen nicht immer deutlich sind. Doch gerade im Bezug auf Ängste ist dieser Ansatz wenig nachhaltig.

Damit einher geht auch die Ausbildung des Pferdes. Woran wurde das Pferd gewöhnt? Wie steht es an den Hilfen? Ist es Verkehrssicher? All diese Punkte gehören zu einer soliden Pferdeausbildung. Egal welche Ziele man verfolgt, eine gründliche und qualitativ hochwertige Ausbildung für Mensch und Tier ist nie ein Fehler.

In einer guten Beziehung können sich beide Partner aufeinander verlassen. Jeder kennt sie Stärken und Schwächen des anderen und weiss darauf einzugehen. Daraus entsteht Vertrauen und Sicherheit. 

Arbeitet man mit und nicht gegen das Pferd, hat man einen wichtigen Sicherheitsfaktor bereits auf seiner Seite.



Faktor Mensch

Welches „Gefahrenpotential“ steckt eigentlich in uns?
Zum einen wäre da der Ausbildungsstand und die Routine, die ein Reiter mitbringt. Wie erfahren ist er, wie „gut“ kann er reiten und wie viel Pferdeverstand bringt der Mensch in die Beziehung ein?
Eine gute reiterliche Ausbildung schult unsere Sinne, unsere Reaktionen und gibt uns so schon einiges an Sicherheit. Durch unsere Erfahrung können wir gewisse Situationen feiner wahrnehmen, bleiben eventuell gelassener und können Gefahrensituationen entschärfen.
Aber gerade, wenn es um unser Können geht, neigen wir zur massloser Selbstüberschätzung und hier liegt die Gefahr.
Immerhin reiten wir ja schon soooo lange. Da braucht man keinen Unterricht und keine Sitzschulung. Man steigt doch nicht ab, nur weil es etwas brenzlig wird. Man läuft dicht hinter dem Pferd vorbei, weil man noch nie getreten wurde. Ihr seht, wohin das führt. Unsere Routine verleitet uns unachtsam zu werden. 
Manchmal belügen wir uns auch einfach selbst. Gerade im Umgang mit unsern Ängsten. Wie erlauben uns nicht, unser Unbehagen zu artikulieren. Sehen es als ein Zeichen von Schwäche und überspielen es gerne. Zum einen ist das schlichter Selbstbetrug, zum anderen durchschauen Pferde diese Maskerade. 
Habe ich im Umgang oder bei der Arbeit mit dem Pferd Ängste, Unbehagen oder einfach nur Zweifel muss ich auch hier an den Ursachen arbeiten. Durch diese Unsicherheit trage ich sonst sehr schnell ein explosives Pulverfass mit mir herum.
Sich diese Unsicherheiten einzugestehen ist keine Schwäche. 
Das gilt auch im Kontext mit unserem Umfeld. In einer Situation, in der wir oder das Pferd uns nicht wohlfühlen, abzusteigen kann manchmal genau das Richtige sein. Es gibt uns Sicherheit und löst die Situation positiv. Auf diesem „Selbstbewusstsein“ können wir das nächste Mal aufbauen.

Mehr zum Faktor Mensch erfahrt ihr bei Kultreiter.


Faktor Umfeld

Und schon sind wir beim dritten Punkt angekommen – das Umfeld. Einerseits bewegen wir uns darin, andererseits gehören wir selbst dazu und geben das Umfeld vor, in dem sich andere bewegen.

Prävention beginnt auch hier schon bei der Ankunft am Hof. Ist die Koppel korrekt geschlossen, kein Stromkabel beschädigt? Führt man das Pferd korrekt am Halfter an den Putzplatz? Ja, auch wenn man sich schon ewig kennt, kann ein Pferd erschrecken und bspw. auf die Strasse rennen.
Weiter geht es am Putzplatz. Ist auch dort alles ordentlich, keine Gefahrenquellen, wie Nägel durch den letzten Hufschmiedbesuch? Wenn bereits ein Pferd am Putzplatz steht, nähere ich mich langsam und mache mich bemerkbar, sollte meine Anwesenheit noch unentdeckt geblieben sein.
Und so zieht sich unser Umfeld weiter, überall dahin, wo wir uns mit oder um Pferde bewegen. Selbst wenn wir „zivil“ nur eine Runde mit dem Hund durch den Wald gehen, werden wir für andere Reiter zum Umfeld und sollten uns in Rücksicht üben. Wie uns die Biker dabei ein Vorbild sein können, könnt ihr hier lesen.
Kommen wir zu einem weiteren Punkt, der für die meisten fest zum Umfeld gehört – der Reitplatz. Ein jeder wird das Wort „Bahnregeln“ schon einmal gehört haben. Sie sollen für ein möglichst sichere Miteinander auf dem Reitplatz sorgen. 
Weil man allein damit einen eigenen Beitrag füllen könnte, hat das die liebe Claudia von Zwinkerlingsreitsportblog für euch getan:
„ Es gibt eine ganze Menge, wie man beim Reiten in der Halle Unfallprävention betreiben kann. 
Eines ist das Einhalten der Bahnregeln. Wichtig ist in jedem Falle die gegenseitige Rücksichtnahme und das aufeinander Achten. Aber auch vorausschauendes Reiten hilft, Unfälle zu vermeiden. Das geht beim Betreten der Bahn los und endet mit dem Verlassen der Bahn.“ 
Die Zehn goldenen Bahnregeln könnt ihr hier nachlesen und euer Wissen auffrischen.

Ihr seht, Unfallprävention beginnt bereits dort, wo der Kontakt zu den Pferden beginnt. Die genannten Punkte sind nur ein Teil des grossen Ganzen.

Alle Faktoren bringen Gefahren und Chancen mit in die Situation. Unsere Routine kann beides zugleich sein. Da wir gewissen Situationen schon häufig erlebt haben, profitieren wir von einem Erfahrungsschatz. Trotzdem gilt es achtsam und immer rücksichtsvoll zu bleiben. Gegenüber unserem Pferd, uns selbst und unserem Umfeld. Damit wir alle glücklich und gesund unsere Leidenschaft geniessen können.

Mehr zum Thema erfahrt ihr bei lenina01.at "Das Märchen von der Sicherheit".

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