Samstag, 21. Januar 2017

Begriffsbullshit: Studie

Neben Schabracken sammeln und Pferdefilmen, haben wir Reiter noch ein Hobby: pferdige Studien. 
Studien helfen uns dabei, unsere Meinung zu unterstreichen. Sie sind quasi der Beweis, das wir Recht haben. Immerhin ist es eine Studie und nicht länger eine blosse Behauptung. Und wenn sich jemand die Mühe macht, eine Studie über eine Ansammlung an Zahlen zu schreiben, dann muss das ja wohl stimmen.
Und das Tolle: es gibt für alles eine Studie. Die eine will bewiesen haben, dass das Reiten mit Gebiss schonender sei, fünf Weitere beweisen scheinbar das Gegenteil. 

„Braune Pferde galoppieren schneller als Rappen*!“
*Probanden waren ein blinder Fuchs und ein dreibeiniger Schimmel

Bei vielen der sogenannten Studien blutet mein Wissenschaftlerherz und ich frage mich, wieso ich mir Jahre von Ökonometrie und Statistik angetan habe (aus mangelnder Begeisterung durfte ich ausgewählte Vorlesungen sogar mehrfach besuchen. Mit abnehmender Motivation, aber steigendem Frustrationslevel und irgendwann wird Genervtsein zu einer ganz besondern Art der Motivation). Überhaupt habe ich das Gefühl, dass es in der Reiterwelt nur einen wahllosen Cocktail aus Zahlen – bestenfalls in % – und ein paar schnittigen Fremdwörter bedarf und schon hat mein eine Studie. Ganz einfach, oder? Man braucht gar kein Bestimmtheitsmass, kontrollierte Schätzer oder den ganzen Statistikapparat – simpler Dreisatz und etwas Fantasie genügen!

Einige Studien entbehren derart offensichtlich einer fundierten Basis, dass es einiges an Naivität bedarf, ihnen zu glauben. Trotzdem scheint der gemeine Reiter angesichts der scheinbaren Wissenschaftlichkeit so eingeschüchtert zu sein, dass er seinen gesunden Menschenverstand, gemeinsam mit der Logik in ein schalldichtes Kellerloch sperrt und sicherheitshalber gleich noch ein dickes Vorhängeschloss vor die Tür hängt.
Andere Studien machen es einem Lästermaul wie mir gar nicht so einfach. Die Basis kann sich sehen lassen und irgendjemand hat sich irgendwas dabei gedacht. Nur hörte das Nachdenken beim Verfasser des Beitrages mit der fesselnden Headline auf. Wissenschaftlich korrekt liest sich leider nicht sexy. Und wenn man schon beim Makeover ist, kann auch der Inhalt eine kleine Diät vertragen. Die Kausalität wird´s einem schon verzeihen. Orange is the new Black und Fünfe sind für dieses Mal gerade.

Werden wir wieder sachlich, es geht um ernste Angelegenheiten. Schliesslich hat die Lektüre einen Hintergedanken – das Wohl unseres Vierbeiners. 
Bei der Suche nach der Wahrheit sollten wir einen kritischen Blick behalten, um in dem Dschungel aus Pseudo-Wissenschaftlichkeit nicht den Durchblick zu verlieren.

Ein Blick auf den Auftraggeber ist häufig bereits ein guter Anfang. Wer wurde hier von wem bezahlt? Denn bezahlt wurde jemand von jemanden. Schliesslich ist eine Studie Arbeit und die neue Eskadron-Kollektion wächst nicht am Birnbaum.

Der zweite Blick sollte der Vorgehensweise gelten. Wer hat hier was gemacht? Waren die Testbedingungen objektiv oder wird hier bereits eine Seite bevorzugt? 
Paradebeispiel: Testreiter.
Testreiter A, 80 Jahre, BMI 48, zweites Mal im Sattel
Testreiter B, 34 Jahre, athletisch, im Besitz des goldenen Reitabzeichens.
Nothing more to say.

„Der gesunde Menschenverstand möchte aus dem Spieleparadies abgeholt werden!“

Eine Studie, die eine Stichprobe von 4 Pferden umfasst, kann kaum repräsentativ sein. Auch Kausalitäten dürfen gerne hinterfragt werden. Dass Skipper nun plötzlich so viel besser auf das Training anspricht, mag vielleicht nicht nur der neuen Eski-Schabbi zu verdanken sein, sondern eher der Haltung, Fütterung und dem Trainingsplan, die ganz beiläufig verändert wurden. 
Will heissen: nicht immer sollten man den Zusammenhängen, die einem verkauft werden wollen, blind vertrauen. In der echten Welt finden Studien selten „ceteris paribus“ – unter sonst gleichen Bedingungen – statt und es bleibt häufig Spekulation, was denn nun genau den erzielten Effekt begünstigt hat und was nicht. 

Ihr seht: alles hat sein Für und Wider und die eine Wahrheit lässt sich nicht finden, auch wenn man es unter dem Deckmantel der „Studie“ und der Wissenschaftlichkeit versucht.
Wir kommen nicht umher, unsere eigene Wahrheit zu bemühen und uns selbst eine Meinung zu bilden.
Studien können ein hilfreicher Anhaltspunkt sein. Ihre Qualität ist aber entscheidend und nicht immer, ist alles Gold, was glänzt. Und auch ein Artikel mit schicken Zahlen ist nicht immer eine Studie.

Bleibt kritisch ;) !

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